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20 Jahre kindheitspädagogische Studiengänge in Deutschland

| Svenja Garbade & Katja Zehbe |

In den letzten Jahren hat sich eine vielfältige Landschaft an kindheitspädagogischen Studiengängen, umfangreichen Forschungsaktivitäten sowie Disziplin- und Professionsentwicklung vollzogen. Die Kindheitspädagogik wird dabei als Teil- oder Subdisziplin der Erziehungswissenschaft betrachtet (Hechler/Hykel/Pasternack 2021a, 2021b).

Anlässlich des 20jährigen Jubiläums der kindheitspädagogischen Studiengänge in Deutschland in 2024 möchten wir einen Blogbeitrag der Vorstellung des kindheitspädagogischen Projekts (vgl. Cloos et al. 2024) widmen. Anliegen ist es, die Entwicklungen in den letzten zwei Jahrzehnten zu skizzieren. Perspektiven auf das kindheitspädagogische Projekt (u.a. Cloos et al. 2024) richten sich zunächst grundlegend auf Aspekte der Entstehung kindheitspädagogischer Studiengänge in Deutschland. In den Blick kommt dabei u.a. die Etablierung der Kindheitspädagogik als Profession, Disziplin und Handlungsfeld. In diesem Sinne bezeichnet das kindheitspädagogische Projekt weniger einen einzigen konkreten Projektzusammenhang als vielmehr Entstehung und Entwicklungsprozesse kindheitspädagogischer Studiengänge auf nationaler Ebene und einer damit verbundenen fachlichen Perspektive auf Kinder und Kindheit. Ein umfassender und zugleich detaillierter Blick kann an dieser Stelle nicht gegeben werden. Für vertiefende Einblicke finden sich Literaturempfehlungen im Verlauf des Beitrags.

Was ist das kindheitspädagogische Projekt?

Das zentrale Anliegen der kindheitspädagogischen Studiengänge seit 2004 ist u.a. eine Qualitätssteigerung durch Professionalisierung in Handlungsfeldern der frühen Bildung (Syring et al. 2017, S. 139; Pasternack 2015, S. 39): 

„Die Pädagogik der frühen Kindheit berücksichtigt in besonderer Weise, dass die erste Epoche des Lebens durch körperlich-leibliche sowie räumlich-materielle Selbst- und Weltverhältnisse gekennzeichnet ist. Sie untersucht, wie sich frühkindliche Erziehungs- und Bildungsprozesse durch Tätigkeiten von Subjekten in institutionellen, einschließlich familialen Kontexten, in Peer-Beziehungen und generationalen Verhältnissen in Bezug auf vielfältige Gegenstände konstituieren bzw. vollziehen und analysiert ebenso Verhältnisse privater und öffentlicher Betreuung. Relevant sind ebenso ethische Aspekte vor allem von Kinderschutz, Kinderrechten sowie nachhaltigen Formen miteinander Lebens innerhalb planetarer Grenzen.“ (Arbeitsgruppe Disziplinentwicklung der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit der DGfE 2024)

Eine vollständige Akademisierung des Feldes wurde und wird dabei jedoch nicht angestrebt (Hechler/Hykel/Pasternack 2021b, S. 16). Vielmehr geht es darum, eine auf Kindheit bezogene Profession akademisch zu etablieren und diese Profession durch eine wissenschaftliche Forschung abzusichern (Pasternack 2015; Cloos 2020). Peter Cloos fragt in verschiedenen Publikationen (u.a. Cloos 2020; Cloos et al. 2019; Cloos et al. 2024), was als Kindheitspädagogik gefasst werden kann, und konturiert den Begriff im Zuge von Forschung, Praxis und Berufs- oder Professionsfeld.

Wenngleich zu Beginn des kindheitspädagogischen Projekts die Kindertagesbetreuung als Handlungsfeld im Fokus stand, weist die Kindheitspädagogik heute vielfältige Handlungs- und Tätigkeitsfelder auf, die weit über Kindertagesbetreuung hinaus gehen (im Folgenden: Helm/Schwertfeger 2016): So dokumentieren sind neben den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen wie Kindertageseinrichtungen, Krippen, Horte und Kindertagespflege auch Felder wie die Förderung und Beratung von Familien im Rahmen von Familienzentren, Frühe Hilfen, Psychosoziale Beratung oder Familienbildung. Weiterhin wird immer mehr diskutiert, dass Kindheitspädagogik ein Teil der Hilfen zur Erziehung ist, bspw. im Bereich der sozialpädagogischen Familienhilfe, in der Pflegekinderhilfe, in der Heimerziehung wie auch im Kinderschutz. Bereichsspezifische (alltagsintegrierte) Förderung wie Sprachförderung, mathematische, naturwissenschaftliche oder gesundheitsbezogene Förderung kommen ebenso wie Begabungsförderung zu kindheitspädagogischen Schwerpunktsetzungen hinzu. Gemeinsam mit der kulturellen Bildung, Bewegungsbildung sowie Medienpädagogik und musikalische Früherziehung und Kinderpolitik zeigt sich die Kindheitspädagogik als gesellschaftlich breit gefächertes Feld mit verschiedenen Aufgabenlagen und ihrer hohen Bedeutung für das Aufwachsen und die Bildung von Kindern.

Aufgrund dieser Ausdifferenzierung der kindheitspädagogischen Aufgabenfelder nimmt die Etablierung von Handlungspraxen, -routinen und die Ausgestaltung der genuin kindheitspädagogischen Berufsidentität eine bedeutsame Rolle ein. Die Ausgestaltung im Rahmen von Kindertagesbetreuung ist dabei weit vorangeschritten und das Feld ist gut über Forschungen dokumentiert (u.a. Dietrich et al. 2019; Cloos et al. 2024). Andere Handlungsfelder geraten zunehmend in den Blick von Forschung: Frühe Hilfen (u.a. Andresen et al. 2022), Begabtenförderung (u.a. Mähler et al. 2022), Kinderschutz (u.a. Kelle/Dahmen 2020). Quer zu den Handlungsfeldern liegen Themen wie Diversität, Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, die für die kindheitspädagogische Diskussion relevant erscheinen (u.a. Rost et al. 2024; Birnbacher et al. 2023; Stenger et al. 2017). Sowohl die theoretischen Entwicklungen wie auch die Ausdifferenzierung der Handlungsfelder werden in den seit 20 Jahren konstituierten Studiengängen sichtbar. Aktuell stehen deutschlandweit 141 früh- oder kindheitspädagogische Studiengänge grundständig, berufsbegleitend oder dual zur Verfügung (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2023, S. 123 f.)[1].

Das jüngst verabschiedete Kerncurriculum fokussiert eine gemeinsame inhaltliche Ausrichtung der kindheitspädagogischen Studiengänge in Deutschland. Festgelegt sind doch in einem deutschland- und hochschulweitem Abstimmungsprozess Standards für bestimmte verpflichtende Modulinhalte in kindheitspädagogischen Studiengängen (Cloos et al. 2023, S. 110). Die einheitliche inhaltliche Ausrichtung lässt jedoch weiterhin spezifische Profile von Hochschul- und Universitätsstandorten zu (ebd.). Rund 210 Professuren sind in 2020 den kindheitspädagogischen Studiengängen deutschlandweit zugeordnet (Hechler/Hykel/Pasternack 2021a, S. 68).

Abbildung 1: Kerncurriculum Kindheitspädagogik (Cloos et al. 2023, S. 110)

Wie wurde deutschlandweit vorgegangen?

Studiengänge mit Blick auf die Lebensphase der frühen Kindheit wurden durch einzelne Akteur*innen mit großem Engagement etabliert. Die Bedingungen von Beginn an, einen ganzen Studiengang mit Theorien, Methoden und Techniken zu Beginn der 2000er Jahre zu füllen, waren herausfordernd. Die Präsentationen auf der Jubiläumstagung sowie der Jubiläumsband (Cloos et al. 2024) verdeutlichen die Transformation, die seitdem stattgefunden hat und maßgeblich durch die Akteur*innen der ersten Stunde gestaltet wurde. Das bildungspolitische Interesse an dem qualitativen wie quantitativen Ausbau der Kindheitspädagogik begünstigte die Entwicklung mit spezifischer Entwicklung von Personal und wissenschaftlichen Qualifikand*innen sowie Forschungen (Hechler/Hykel/Pasternack 2021a, S. 11):

Abbildung 2: Disziplinentwicklung der Kindheitspädagogik (Hechler/Hykel/Pasternack 2021a, S. 11)

Besonders beeindruckend in dieser Entwicklung ist eine Landschaft mit vielfältigen Theorieangeboten zum Thema Bildung, Erziehung und Sorge, sowie die Etablierung von Methoden und Techniken im Sinne einer kindheitspädagogischen Hochschuldidaktik, als auch spezifisch didaktischen Formaten für die Adressat*innengruppen Kinder und Sorgetragende. Im Folgenden wird eine sehr kleine, stark begrenzte Auswahl in Bezug auf DiverseKindheiten gegeben, wohlwissend dass dies der Komplexität, Breite und Tiefe kindheitspädagogischer Themen, Fragestellungen, Forschungsaktivitäten und Publikationen sowie der Aktivitäten und Bestrebungen der Akteur*innen in Wissenschaft, Berufspolitik und Praxis nicht gerecht werden kann.

Bei Methoden und Techniken hervorzuheben wäre bspw. die Entwicklung der Lernwerkstätten (u.a. Hormann 2023), die in dieser Form insbesondere in der Qualifizierung einen didaktisch veränderten Blick des Lernens über Kindheit und kindliche Aneignungs- und Entwicklungsprozesse ermöglichen. Weiterhin sind die Beobachtung und Dokumentation feste Bestandteile der Sicherung von Qualität geworden (u.a. Hartmann 2024), wie auch Förderung von Entwicklung in jedweder Hinsicht (u.a. Zehbe 2023; Dawal et al. 2023; Borkowski et al. 2023). Dabei nehmen das Bild vom selbstaktiven Kind und die Kommunikation mit Kindern eine bedeutsame Rolle ein (u.a. Peeters 2023). In Bezug auf die Herstellung von Chancengleichheit ist auch die Berücksichtigung verschiedener Diversitätskategorien verbunden, die von pädagogischen Fachkräften zunehmend aufgrund der Wirkungen gesellschaftlich sozialisierter Vorurteile zu berücksichtigen ist (u.a. Rehklau 2016; Stenger et al. 2017). Neben diesen Anforderungen, die die Studiengänge in ihre Curricula übernommen haben und in Seminare und Vorlesungen übersetzen, bestehen weiterhin interdisziplinäre Anforderungen, wie die Verbindung von Pädagogik mit digitalen Medien (u.a. Brüggemann 2019), soziologischen (u.a. Kelle 2006) und psychologischen Zugängen (u.a. Blaschke-Nacak/Thörner 2019), politikwissenschaftlichen Zugängen oder philosophischen Methoden. Damit stellt die Kindheitspädagogik in jeder Qualifizierungsstufe ein vielfältiges Angebot dar.

Von den 112 ersten Studienanfänger*innen kindheitspädagogischer Studiengängen an vier Standorten in 2004 schlossen 2007 alle ihr Studium erfolgreich ab, im gleichen Jahr wurden bereits 1281 Studienanfänger*innen an 30 Standorten eingeschrieben. Seitdem steigt die Anzahl der Studienanfänger*innen sowie Absolvierenden der Studiengänge kontinuierlich an und bewegte sich in den letzten Jahren auf einem konstanten Niveau (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2023, S. 121). Dies wird mit dem allgemeinen Trend in der gesamten Hochschullandschaft erklärt, dass die frühere wachsende Nachfrage von Studienplätzen nun an einem Plateau angekommen ist und sich auf diesem Niveau stabilisiert (ebd., S. 125). Zuletzt waren es im Jahr 2021 3791 Studienanfänger*innen an 61 Standorten zu verzeichnen (ebd., S. 122; 126). Seit 2011 besteht in allen Bundesländern die Möglichkeit, Kindheitspädagogik zu studieren.

Abbildung 3: Früh- bzw. kindheitspädagogische Bachelor- und Masterstudiengänge und Hochschulstandorte 2004 bis 2021 (Autorengruppe Fachkräftebaromert 2023, S. 122)

Was ist das aktuelle Ergebnis?

An dieser Stelle kann nur kursorisch auf einige ausgewählte Ergebnisse eingegangen werden (ausführlich u.a. Cloos et al. 2024).

  • Berufsprofil Kindheitspädagog*in: Das Kompetenzprofil von Kindheitspädagog*innen wird aktuell über das mit der staatlichen Anerkennung (JFMK 2011) verbundene Berufsprofil verbunden. Das Berufsprofil des Studiengangstags Pädagogik der Kindheit wurde 2015 verabschiedet und kann hier nachgelesen werden. Definiert werden dort nicht nur Kompetenzen, sondern auch Handlungsmöglichkeiten und Handlungsfelder von Kindheitspädagog*innen. Weiterhin lässt sich an der Gegenstandsbestimmung der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit der Deutschen Gesellschaft der Erziehungswissenschaft (DGfE) die Ausdifferenzierung der Gegenstände beobachten.
  • Kindheitspädagogik als wissenschaftliche Disziplin: Deutlich wird, dass sich die wissenschaftliche Disziplin in Beziehung zum Praxis- und Professionsfeld hinsichtlich thematischer Profilierungen versteht (Arbeitsgruppe Disziplinentwicklung der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit der DGfE 2024). Diese Elemente einer Disziplin im Werden konstituieren ganz besonders die Kindheitspädagogik, die unter vielfältigen gesellschaftlichen Anforderungen zu verstehen ist.
  • Kindheitspädagogik als Studiengänge: Die aktuell bzw. in der Vergangenheit mitunter (noch) ungleich benannten 141 Studiengänge sind mit den historischen Entwicklungen der Neugründung zu erklären (Hechler/Hykel/Pasternack 2021b, S. 9). In absehbarer Zeit wird mit einer zunehmenden Angleichung gerechnet (ebd.). Unterstützt wird dieser Prozess sicherlich auch durch das jüngst verabschiedete ‚Kerncurriculum Kindheitspädagogik‘, welches der Studiengangstag Pädagogik der Kindheit in 2023 auf den Weg brachte.
  • Kindheitspädagogik und Praxis: 6% des pädagogischen und leitenden Personals in Kindertageseinrichtungen, einem der Haupttätigkeitsfelder von Kindheitspädagog*innen, haben einen fachlich einschlägigen Hochschulabschluss, circa ein Sechstel entfällt auf Absolvent*innen kindheitspädagogischer Studiengänge (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2023, S. 33 ff.). In der Regel qualifizieren die Bachelor-Studiengänge zum Berufsprofil der Kindheitspädagog*in sowie zeitgleich auf Antrag zur staatlich anerkannten Erzieher*in.
  • Kindheitspädagogik und Forschung: Es haben sich diverse außerhochschulische Forschungseinrichtungen in Deutschland etabliert, die (auch) kindheitspädagogisch relevante Forschungen durchführen. Federführend sind hier das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München, das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München sowie das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg und das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) in Osnabrück zu nennen. Zahlreiche Wissenschaftler*innen sind zudem in der Kommission Pädagogik der Kindheit der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft Mitglied. Aus diesen Forschungsaktivitäten ist ein umfangreicher Korpus an Erkenntnissen entstanden, die in einschlägigen Fachjournalen, bspw. der Zeitschrift „Frühe Bildung“ sowie in Print- und Onlinepublikationen erscheinen. Eine Übersicht können Sie der Publikationsliste von 2023 der Kommission Pädagogik der frühen Kindheit hier entnehmen.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass das Feld der Kindheitspädagogik nicht zuletzt durch die kindheitspädagogischen Studiengänge, den aktuellen Entwicklungen zu fachschulischer Qualifizierung sowie die Einbindung politisch-gesellschaftlicher Prozesse in einem anspruchsvollen Wechselspiel zwischen Wissenschaft und sog. Praxis steht.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Die dynamische Entwicklung der Kindheitspädagogik ist eng verknüpft mit dem Wandel der Lebensphase Kindheit, die „seit den 1980er Jahren begleitet wird von einem vielschichtigen Diskurs, in dem sich Öffentlichkeit und Wissenschaft über das Generationenverhältnis sowie die Entwicklungs- und Sozialisationsprozesse von Kindern in einer hochmodernen Gesellschaft verständigen“ (Helm/Schwertfeger 2016, S. 9). Interessant ist sicherlich das transformative Potential sowie die enge Verwobenheit mit gesellschaftlichen Diskursen, das von kindheitspädagogischen Handlungsfeldern immer wieder Wandlungsfähigkeit abverlangt.

Die Ausdifferenzierung der kindheitspädagogischen Akademisierung hat vor allem in praktischen Feldern zu mehr Diversität und anderen Formen von Multiprofessionalität geführt. Obwohl die Zahlen der Fachkräfte mit fachschulischer Qualifizierung als auch die mit Akademisierung haben eine hohe Bedeutung. Gleichzeitig ist – wie woanders auch – ein anhaltender Fachkräftemangel zu konstatieren. Dies wird um das Handlungsfeld der pädagogischen Ganztagsbetreuung in Schulen mit dem Rechtsanspruch weiterhin verschärft werden.

Gerade die Akteur*innen der kindheitspädagogischen Felder, die immer mehr mit den Folgen einer Care-Krise konfrontiert sind, sind diejenigen, die eine professionelle Bedeutung für die Entwicklung von Kindern innerhalb von Institutionen haben. Gesellschaftliche Relevanz erlangen vor allem die frühen Jahre hinsichtlich ihrer Bedeutung für den späteren Lebensverlauf. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt starke Professionalisierungsbewegungen, die gerade aufgrund der Offenheit des Praxis-, Professions- und Disziplinfeldes im Werden begriffen werden können. Das ist eine besondere Stärke der Kindheitspädagogik, die sich immer wieder in Bezug zu gesellschaftlichen Transformationen setzen will.

Literaturverweise

Andresen, Sabine/Althaus Nadja/Dietz, Tatjana (2022): Neugeborene willkommen heißen und ihre Familien unterstützen. Eine empirische Studie zu Frühen Hilfen und dem Lotsendienst »Babylotse Frankfurt am Main«. Weinheim: Beltz Juventa.

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2023): Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2023. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. Bielefeld.

Birnbacher, Leonhard/Durand, Judith/Henne, Kathrin/Kölsch, Anke/Mielke, Patrick/Spielhaus, Riem (2023): Bildung und Demokratie. Empirische Perspektiven auf Kita und Schule. Weinheim: Beltz Juventa.

Blaschke-Nacak, Gerald/Thörner, Uta (2019): Das Entwicklungsparadigma in der Frühpädagogik. In: Dietrich, Cornelie/Stenger, Ursula/Stieve, Claus (Hrsg.): Theoretische Zugänge zur Pädagogik der frühen Kindheit. Weinheim: Beltz Juventa.

Borkowski, Susanne/Lattner, Katrin/Strehmel, Petra (2023): Nachhaltige Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen. In: Hartung, Susanne/Wihofszky, Petra (Hrsg.): Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wiesbaden: Springer, S. 1–10.

Brüggemann, Marion (2019): Frühe Bildung und Medien – im Spannungsverhältnis zwischen zunehmender Kompetenzorientierung und gesellschaftlicher Digitalisierung. In: Jugendhilfe 57, H. 3, S. 265-269.

Cloos, Peter (2020): Kindheitspadagogik als Projekt. In: Cloos, Peter/Lochner, Barbara/Schoneville, Holger (Hrsg.): Soziale Arbeit als Projekt. Wiesbaden: Springer VS, S. 159–170.

Cloos, Peter/Gerstenberg, Frauke/Krähnert, Isabell (2019): Kind – Organisation – Feld. Komparative Perspektiven auf kindheitspädagogische Teamgespräche. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Cloos, Peter/Dittrich, Irene/Franke-Meyer, Diana/Friederich, Tina (2023): Das Kerncurriculum „Kindheitspädagogik“. Ein wichtiger Schritt für die kindheitspädagogische Professionalisierung. In: Frühe Bildung, 12 (2), S. 109–111.

Cloos, Peter/Jung, Edita/Stieve, Claus/Viernickel, Susanne/Weltzien, Dörte (Hrsg.) (2024). Das kindheitspädagogische Projekt. Suchbewegungen und Perspektiven zum zwanzigjährigen Bestehen kindheitspädagogischer Studiengänge. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Dawal, Britta/Henrichwark, Claudia/Jansen, Mareike (2023): Inklusive Bildung von Anfang an (InBiA) – eine qualitative Analyse der kooperativen Übergangsgestaltung zwischen Eltern, Kindertageseinrichtung, Frühförderung und Grundschule. Frühförderung interdisziplinär, 42 (2), 66–80.

Dietrich, Cornelie/Stenger, Ursula/Stieve, Claus (Hrsg.) (2019): Theoretische Zugänge zur Pädagogik der frühen Kindheit. Eine kritische Vergewisserung. Weinheim: Beltz Juventa.

Hartmann, Magdalena (2024): Beobachten in Kindertageseinrichtungen. Eine Ethnografie zum Early Excellence Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren. Wiesbaden, Germany: Springer VS.

Hechler, Daniel/Hykel, Theresa/Pasternack, Peer (2021a): Disziplinentwicklung der Kindheitspädagogik. Eine empirische Bestandsaufnahme anderthalb Jahrzehnte nach Einrichtung der neuen Studiengänge. Unter Mitarbeit von Sascha Alexander Blasczyk und Uwe Grelak. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFF Studien, Band 34. München.

Hechler, Daniel/Hykel, Theresa/Pasternack, Peer (2021b): Zum Stand der Disziplinentwicklung der Kindheitspadagogik. Halle: Institut fur Hochschulforschung.

Helm, Jutta/Schwertfeger, Anja (2016): Arbeitsfelder der Kindheitspädagogik – eine Einleitung. In: Helm, Jutta/Schwertfeger, Anja (Hrsg.): Arbeitsfelder der Kindheitspädagogik: eine Einführung. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 9–15.

Hormann, Kathrin (2023): Kinder auf den Weg bringen: Eine qualitative Studie zur Bedeutung und Konturierung des Raums und der Lernbegleitung im Kontext von Lernwerkstattarbeit in Kindertageseinrichtungen. Gottfried Wilhelm Leibniz Universität.

Jugend- und Familienministerkonferenz (2011): Staatliche Anerkennung von Bachelorabschlüssen im Bereich der Kindertagesbetreuung und Berufsbezeichnung. jfmk.de/beschluesse/ (Abfrage: 12.01.2025).

Kelle, Helga (2006): Sozialisation und Geschlecht in kindheitssoziologischer Perspektive. In: Bilden, Helga/Dausien, Bettina (Hrsg.): Sozialisation und Geschlecht. Theoretische und methodologische Aspekte. Opladen: Budrich. S. 121–137.

Kelle, Helga/Dahmen, Stephan (Hrsg.) (2020): Ambivalenzen des Kinderschutzes. Weinheim: Beltz Juventa.

Mähler, Claudia/Cloos, Peter/Schuchardt, Kirsten/Zehbe, Katja (2022): Hochbegabung und soziale Ungleichheit in der frühen Kindheit. Weinheim: Juventa Verlag.

Pasternack, Peer (2015): Die Teilakademisierung der Frühpädagogik. Eine Zehnjahresbeobachtung. Leipzig: Akademische Verlagsanstalt.

Peeters, Jan-Niclas (2023): Über Stock und über Steine. Neu-materialistische Perspektiven auf Agency und Partizipation. ElFo – Elementarpädagogische Forschungsbeiträge, 5(2), 15–25.

Rehklau, Christine (2016): Diversität und Inklusion. In: Lutz, Ronald/Rehklau, Christine (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Grundlagen der Kindheitspädagogik. Eine Einführung. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Rost, Sebastian/Bloch, Bianca/Kaiser, Anna-Katharina/Kaul, Ina (Hrsg.) (2024): Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Kindheitspädagogik. Beiträge zur Disziplin, Profession und Praxis. Weinheim: Beltz Juventa.

Stenger, Ursula/Edelmann, Doris/Nolte, David/Schulz, Marc (Hrsg.) (2017): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität. 1. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Studiengangstag Pädagogik der Kindheit (2015): Berufsprofil Kindheitspädagogin/Kindheitspädagoge. www.fbts-ev.de (Abfrage: 12.01.2025).

Syring, Marcus/Weis, Sabine/Keller-Schneider, Manuela/Hellsten, Meeri/Kiel, Ewald (2017): Berufsfeld „Kindheitspadagoge/in“: Berufsbilder, Professionalisierungswege und Studienwahlmotive im europäischen Vergleich. In: Zeitschrift für Pädagogik 63, H. 2, S. 139–162.

Zehbe, Katja (2023): Kindertageseinrichtungen als Orte der inklusiven Bildung: Spannungsfelder der Teilhabe und Förderung. In Fränkel, Silvia/Grünke, Matthias/Hennemann, Thomas/Hövel, Dennis/Melzer, Conny/Ziemen, Kerstin (Hrsg.): Teilhabe in allen Lebensbereichen? Ein Blick zurück und nach vorn. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 131-136.


[1] Zur Studiengangsdatenbank an Hochschulen und Universitäten in öffentlicher und privater Trägerschaft (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2023, S. 123 f.) geht es hier entlang.

Bildungsmedien und Inklusion

| Carolin Bätge |

Was will das Projekt? Was ist das Phänomen?

Mediale Repräsentationen gesellschaftlicher Vielfalt erstrecken sich von Serien- und Filmproduktionen für Kinder und Jugendliche, über digitale und analoge Spiele, bis hin zu schriftlichen Erzeugnissen. Zu letzteren sind nicht nur belletristische Bücher, sondern auch Bildungsmedien zu zählen. Bildungsmedien als ein Produkt gesellschaftlich ausgehandelten, „tradierenswerten“ Wissens vermitteln v.a. in den sog. sinnstiftenden Fächern (v.a. Ethik und Religion, Politik und Sozialkunde sowie Geschichte bzw. ihre bundeslandspezifischen Äquivalente) der jeweils nächsten Generation neben Sach- und Methodenkenntnissen auch Werte. Kurz zusammengefasst bedeutet dies: „Das Schulbuch ist Produkt und […] Produzent von Einstellungen und Verhaltensweisen einer Bevölkerung. Diese ,Mentalitätʼ ist politisch von hoher Bedeutung.“ (Schallenberger 1973). Insbesondere Aussagen bspw. im Rahmen von Thematisierungen zu gesellschaftlich relevanten Themen sind von besonderer Bedeutung. Sie bieten nicht nur Sachwissen dar, sondern ihnen sind – analog zu Kinderbüchern – vielmehr Anknüpfungspunkte für die eigene Identifikation und Repräsentation (bspw. der eigenen Familienform, Herkunft oder Beeinträchtigung) inhärent (vgl. Schorb 2014; Fleischer 2014). Das Schulbuch als Bildungsmedium – analog wie digital – ist das am intensivsten genutzte Lernmedium im Unterricht (Hintermann et al. 2014), Seismograf der Gesellschaft und Bestandteil des öffentlichen Diskurses (Höpken 2003, Bätge 2023). Dabei ist es für nicht wenige Kinder das einzige Buch, mit dem sie in Kontakt kommen (Teistler 2003). Das Schulbuch unterliegt zudem der „Autoritätsgläubigkeit“ (Tatje 2017) bzw. einem Nimbus der unfehlbaren Wahrheit (u.a. Lässig 2010), woraus Aussagen resultieren, dass das, was im Schulbuch steht, auch stimmen müsse.

Daher ist es umso wichtiger, auf eine angemessene Darstellung gesellschaftlicher Vielfalt zu achten. Neben dem bekannten Paragrafen 24 der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nation zur inklusiven Bildung ist für den Schulkontext auch Paragraf 8 zur Bewusstseinsbildung insofern relevant, als dass dort ein Recht auf angemessene Darstellung in den Medien erstmalig festgehalten und somit die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung betont wurde:

„(1) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, sofortige, wirksame und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um in der gesamten Gesellschaft […] das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern; Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen, einschließlich aufgrund des Geschlechts oder des Alters, in allen Lebensbereichen zu bekämpfen; das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Behinderungen zu fördern. (2) Zu den diesbezüglichen Maßnahmen gehören: […] die Aufforderung an alle Medienorgane, Menschen mit Behinderungen in einer dem Zweck dieses Übereinkommens entsprechenden Weise darzustellen […].“

Das hier vorgestellte Forschungsprojekt will vor dem Hintergrund der inklusiven Bildung die Darstellungen von Menschen mit Beeinträchtigung und Inklusion in deutschen Sozialkundebüchern untersuchen und hierbei ein besonderes Augenmerk auf die dargebotenen Narrative legen. Es ging dabei u.a. um die Prüfung folgender Thesen:

(1) Die vom Schulbuch transportierten Bilder und Narrative zu Menschen mit Beeinträchtigung haben sich seit 2010 verändert und thematisieren zunehmend auch integrative respektive inklusive Aspekte.

(2) Das in den Unterrichtswerken vermittelte Menschenbild wird korrigiert, wenn sich der Blickwinkel auf Menschen mit Beeinträchtigung und Inklusion verändert (Bätge 2023).

Wie bin ich vorgegangen?

Als theoretische Grundlage diente eine Triangulation der erziehungswissenschaftlichen Zugänge der Diversity Education bzw. Pädagogik der Vielfalt mit ihren zentralen Prämissen der Anerkennung und Wertschätzung von Vielfalt, mit den Bezugspunkten der Diskurstheorie nach Foucault und Jäger (2015) sowie den Disability Studies in Education. Folglich bildeten die Grundlage des theoretischen Zugangs die reflektierende Kategorisierung von Menschen unter dem Begriff der egalitären Differenz, der Eingebundenheit von Akteur*innen und Aussagen im Diskurs, der konstituierende Macht hat, mit Blick auf die Wirkmacht von Sprache, sowie dem disziplinären Zugang der Disability Studies als Advocat*in Veranderter. Zentrale Aspekte sind in dem interdisziplinären Ansatz der Disability Studies neben der Selbstrepräsentation und die Einbindung von Erfahrungswissen von Forscher*innen mit Beeinträchtigungen u.a. auch eine machtkritische Analyse von Wissensordnungen, die sich auch Diskursfragmenten wie Schulbüchern manifestieren können. Swantje Köbsell (2015, S. o.S.) beschreibt mit Bezug auf Schule die Rolle dieser Disziplin:

„Schule als wichtige Sozialisierungsinstanz und zentraler gesellschaftlicher Ort kann zur Veränderung von z. B. ableistischen Sicht- und Verhaltensweisen beitragen, wenn die scheinbare Naturhaftigkeit von Behinderung ebenso wie Normalitätskonstruktionen hinterfragt, Ableism entlarvt und Umgangsweisen entsprechend verändert werden. (…) Die Konstruktion von Nicht-/Behinderung im Bildungssystem müsste ebenso zum Thema gemacht werden wie die Fragen danach, wie Behinderung und Ableism von den Betroffenen erlebt werden (…).“

Die Kombination aus dem Schulbezug und den Disability Studies wird als Disability Studies in Education bezeichnet.

Durch eine qualitative und quantitative Inhaltsanalyse (Häufigkeitsanalyse nach Mayring 2015 der Lehrpläne der sinnstiftenden Fächer für alle Bundesländer und Bildungslevels konnten Rückschlüsse für das zu analysierende Sample der Schulbücher gewonnen werden. Aufgrund der Häufigkeit des Vorkommens des Themenfeldes Behinderung und Inklusion in den einzelnen Bundesländern, Schulformen, Jahrgängen und Fächern sowie aufgrund der induktiv gebildeten Cluster erfolgte eine Auswahl entsprechender Schulbücher des Faches Politik/Sozialkunde der Sekundarstufe I aller Schulformen der Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Von zentraler Bedeutung war neben der quantitativen Ausprägung der Cluster in diesen Zuschnitt des Samples auch das Vorkommen der Cluster, die thematisch dem Erkenntnisinteresse am ehesten entsprochen haben (Lebenssituation, Diskriminierung und Toleranz, Differenz und Leid). Insgesamt wurden somit die thematisch passenden Seiten und Kapitel aus 58 Politikschulbüchern, die im Schuljahr 2017/18 verwendet wurden, eines diskursanalytischen Vorgehens (nach Jäger und Höhne 2004 unterzogen. Die Erscheinungsjahre erstreckten sich von 2003 bis 2017; 7 Schulbücher aus diesem Sample waren als differenzierende Ausgaben konzipiert. Es wurden alle Schulbuchverlagshäuser berücksichtigt. Ziel war es, wiederkehrende, sog. diskurstypische Merkmale hinsichtlich didaktischer Vermittlung und inhaltlicher Aussagen herauszufiltern, um so Aussagen u.a. bzgl. des in den Büchern vermittelten Gesellschaftsverständnisses und Menschenbildes generieren zu können.

Was ist das Ergebnis?

Zunächst lassen sich die Schulbücher entlang ihrer Entstehungskontexte und Darstellungstypik in drei historisch voneinander abgrenzbare Phasen einteilen: Die erste Phase enthält die Bücher der Erscheinungsjahre 2003 bis etwa 2010, die zweite große Phase erstreckt sich von 2012 bis 2017. Die UN-BRK kann sowohl zeitlich als auch konzeptionell als einschneidendes diskursives Ereignis für die Darstellung in den Bildungsmedien bezeichnet werden. Beide Gruppen sind etwa gleich stark (n=24/25). Zwischen diesen beiden Phasen lassen sich zwei Bücher, die in 2010/11 erschienen sind, als „Brückenbücher“ bezeichnen. Sie weisen Merkmale beider Phasen auf und stellen somit eine kurze Übergangsphase dar. Im Folgenden wird jedoch ausschließlich auf die Phasen 1 und 2 eingegangen.

Die Schulbücher der Phase 1 nutzen zur Vermittlung der zumeist umfangreichen Darstellungen v.a. Autor*innentexte und Abbildungen wie Fotografien, Grafiken und Illustrationen und gehen auf den Themenkomplex häufig in ganzen Kapiteln ein, die nach „Behinderungsarten“ gegliedert sind. Weitere Kontextualisierungen sind „Lebenssituationen anderer“
(die Ausgaben des) Sozialstaat(es), Minderheiten [Anm.: gemeint sind u.a. Arbeits- und Wohnungslose] und Kinderrechte.

Dabei stellen sie ausnahmslos eine exkludierende Gesellschaft und Segregation (bspw. im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt) dar. Dabei wird die Beschulung auf einer Förderschule als logische Konsequenz einer Beeinträchtigung argumentiert und sogenannte „Behinderte“ als homogene, hilfsbedürftige Randgruppe beschrieben. Den Ausführungen dieser Phase liegt das medizinische Modell von Behinderung zugrunde, welches Beeinträchtigung als zu heilende Erkrankung und Makel versteht und darüber hinaus die Anpassungsleistung für die Teilhabe an Gesellschaft beim Individuum selbst sieht. Diese Bücher nutzen daher oft einen emotionalisierenden Sprachduktus und Termini wie „Augenschaden“ oder „hörgeschädigt“ und legen ihren Fokus auf das (zugeschriebene) Leid und Tätigkeiten, die Menschen mit Beeinträchtigungen (angeblich) nicht können. Schlussendlich entstehen die Narrative   der passiven, hilfsbedürftigen Erwerbslosen und der vom Schicksal und Leid Gebeutelten. Die Darstellungen fußen auf ein Denken in binären Ordnungen („behindert“ und „nicht behindert“) und betreibt stets ein Othering, das dieser Binarität Menschen ohne Beeinträchtigung eine Höherwertigkeit zuschreibt. Grundsätzlich sind die Ausführungen dieser Phase von Ableismus geprägt. Inklusion bzw. eine Einzelintegration oder aber authentische Quellen, in denen Menschen mit Beeinträchtigung selbst zu Wort kommen, finden keine Erwähnung.

Phase 2 hingegen wird argumentativ und terminologisch von einer neuen Sachlichkeit mit differenzierten Aussagen, Biografiearbeit mittels Interviews mit beeinträchtigten Personen, Karikaturen und dem sozialen Modell von Behinderung geprägt, in welchem die Anpassungsleistungen auf Seiten der Gesellschaft liegen und Beeinträchtigungen nicht mehr therapiert werden müssen. Dabei berücksichtigen die Bildungsmedien gesellschaftliche Vorbehalte und stellen diese zur Diskussion, Multiperspektivität und Kontroversität – wie vom Beutelsbacher Konsens seit langem gefordert. Menschen mit Beeinträchtigung erscheinen als mündige, aktive Bürger*innen, die zuvor vorherrschenden „Arten von Behinderung“ werden  zugunsten der Thematisierung einer inklusiven Schule und Gesellschaft verdrängt und es erfolgt z.T. eine Abkehr von Dichotomien in den Darstellungen und Argumentationen.

Dieser Wandel in den Darstellungen nach 2010/11 zeigt sich folglich auf den Ebenen der Didaktik anhand der eingebundenen Materialien und des verfolgten Vermittlungsansatzes, der Themenfokussierung mit einer Abkehr von Beeinträchtigungsarten und einer Hinwendung zur Inklusion, der Bilder, was eine Verdichtung auf das Down-Syndrom und den Rollstuhl einschließt, sowie auf der Ebene der Narrative und damit einhergehenden Aussagen zum Menschenbild und Gesellschaftsverständnis.  Letztere wird durch die Ablösung des Narrativs der hilflosen, passiven und leidendenden Anderen durch das der mündigen und aktiven Gleichgestellten in einer inklusiven Gesellschaft offenbar. Das die Schulbuchseiten prägende Wissen entwickelte sich vom Blick auf Menschen mit Beeinträchtigung durch die Brille Privilegierter hin zur Einbindung marginalisierter Perspektiven, woran sich die Disability Studies in Education erkennen lassen.

Die unhinterfragte Segregation mit integrativen Beispielen verändert sich zur inklusiven Gesellschaft, in der Vielfalt den „Normalfall“ darstellt und Anerkennung erfährt. Zudem konnte die UN-BRK sowohl zeitlich als auch aufgrund des dahinterstehenden theoretischen Zugangs des sozialen Modells als die Rahmenvorgabe für Schulbuchdarstellungen ausgemacht werden.

Ein Wandel dieser Tragweite in wenigen Jahren ist in (Bildungs-)Medien eher unüblich und zeigt, dass diskursive Einflüsse aus dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs und politische Vorgaben wie die UN-BRK mehr Einfluss auf die Konzeption der Bildungsmedien haben können als die bislang maßgeblich relevanten Lehrpläne, die, obwohl auch für Phase 2 noch gültig, nur als Vorgabe für die Schulbücher der Phase 1 genutzt worden sind.[1]

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Die wesentliche Frage liegt hier, wie auch bei anderen Vielfaltsdimensionen, wie sie thematisiert werden. Wenn eine explizite Thematisierung im Lehrplan vorgegeben ist, ist an manchen Stellen noch offengehalten, über welche Materialien und Quellen und mit welchen Termini gearbeitet wird. Die neue Generation der Sozialkundebücher macht es Lehrkräften deutlich leichter, mit diesen Bildungsmedien zu unterrichten. In Ihnen finden sich kaum ableistische Darstellungen und sie legen Wert auf das Einbinden marginalisierter Perspektiven, was u.a. von Vertreter*innen der Disability Studies gefordert wird („Nichts über uns ohne uns!“). Es stellt sich nun die Frage, wie die neuste Generation der Lehrpläne den Themenkomplex Behinderung und Inklusion aufgreift; möglicherweise wird Behinderung dort ebenfalls als Thema zurückgedrängt und stattdessen der Fokus auf Inklusion gelegt, wie es in den Schulbüchern der Phase 2 der Fall ist. Es bleibt offen, wie sich dieser thematische Wandel in den Klassen gegen Othering, Fremdkategorisieren und Ableism auswirkt, wenn Personen zwar nicht mehr auf eine Eigenschaft ihrer ganzen Persönlichkeit reduziert werden, es aber auch keinerlei Informationen mehr zu ihrer Beeinträchtigung gibt. Lehrkräfte sollten sich also die Frage stellen, ob bzw. inwiefern das Wissen um Behinderung und Beeinträchtigungen für das Lernziel relevant ist. Wie bei jedem anderen gesellschaftlichen Vielfaltsthema auch gilt es für Fach- und Lehrkräfte, diversitätssensibel und diversitätsreflexiv zu agieren. Dies setzt bestimmte Kompetenzen – wie das Wissen um Stereotype, Vorurteile und Ismen – voraus (Möhlen et al. 2024), die es im Studium zu erwerben gilt. Doch auch die Bücher der zweiten Phase weisen noch weiteres Potenzial auf: Denn um wirklich inklusiv unterrichten und den bildungspolitischen Vorgaben der inklusiven Bildung nachkommen zu können, braucht es mehr: sprachliche und didaktische Differenzierung, um so unterschiedlichen Lernausgangslagen und Sprachniveaus Rechnung zu tragen. Es stellt sich also weiterhin für Forschung als auch für Lehre die Frage: Wie inklusiv sind die angebotenen Materialien wirklich?

Literaturverweise

Bätge, C. (2023). Hilfsbedürftig oder selbstbestimmt?Darstellungen von Menschen mit Beeinträchtigung und Inklusion im Schulbuch. Bildungsforschung Band 18. Bielefeld: transcript. URL: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6717-2/hilfsbeduerftig-oder-selbstbestimmt/?c=310000016

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Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (Hrsg.) (2014). Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. https://www.behindertenbeauftragte.de/SharedDocs/Publikationen/UN_Konvention_deutsch.pdf?_blob=publicationFile&v=2

Bredel, U. & Maaß, C. (2016a). Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen. Orientierung für die Praxis. Dudenverlag.

Bredel, U. & Maaß, C. (2016b). Ratgeber Leichte Sprache. Frank & Timme.

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Hintermann, C./Markom, C. et al. (2014). Debating Migration in Textbooks and Classrooms in Austria. In Journal of educational media, memory, and society (6, 1, S. 79-106)

Höhne, T. (2003). Schulbuchwissen. Umrisse einer Wissens- und Medientheorie des Schulbuches. In: F.  Radtke (Hrsg.), Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft. Reihe Monographien.

Höhne, T. (2004). Die Thematische Diskursanalyse – dargestellt am Beispiel von Schul-büchern. In: R. Keller/A. Hirseland/W. Schneider, Werner & W. Viehöver (Hrsg.), Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalysen (389-419). Band 2: Forschungspraxis. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

Höpken, W. (2003). Warum und zu welchem Zwecke betreibt man Schulbuchforschung? Fragestellungen, Methodenprobleme und Perspektiven der Schulbuchforschung in der Bundesrepublik Deutschland. In The Asia Foundation/Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), Sharing the burden of the past (10 – 18).

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Köbsell, S. (2015). Disability Studies in Education. In Zeitschrift für Inklusion. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/275

Lässig, S. (2010). Wer definiert relevantes Wissen? Schulbücher und ihr gesellschaftlicher Kontext. In: E. Fuchs, J. Kahlert & U. Sandfuchs (Hrsg.), Schulbuch konkret. Kontexte – Produktion – Unterricht. Julius Klinkhardt (199–215).

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim/Basel: Beltz.

Möhlen, L.-K., von Dapper-Saalfels, T. & Bätge, C. (2024). Multiprofessionelle Kompetenzen für eine inklusionsorientierte Professionalisierung im Studium des allgemeinen Lehramts – Perspektiven aus Niedersachsen. In QfI – Qualifizierung für Inklusion, 3(1), doi: 10.21248/QfI.ID 

Schorb, B. (2014). Identität und Medien. In A. Tillmann, S. Fleischer & K. Hugger (Hrsg.), Handbuch Kinder und Medien (171-180). Springer VS.

Schallenberger, E. (Hrsg.) (1973). Das Schulbuch. Produkt und Faktor gesellschaftlicher Prozesse. Henn.

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Teistler, G. (2003). Geschichte im Schulbuch – Geschichte des Schulbuchs. Die Bibliothek des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung. In Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (Hrsg.), Aufstand vs. Putsch. Der 17. Juni in Jugendpresse und Schulbüchern. Katalog zur Ausstellung (45-49). DOI: 10.25656/01:4077

Vielstädte, T. (2023). „Alle behindert!“ Zur Konstruktion von Behinderung im Kinderbuch. In: E. Schulze (Hrsg.), Diversität im Kindebruch. Wie Vielfalt (nicht) vermittelt wird (88-101).W. Kohlhammer.


[1] Eine tiefergehende Analyse und breitere Darstellung der Ergebnisse kann der Publikation „Hilfsbedürftig oder selbstbestimmt“ von Carolin Bätge (2023) entnommen werden.

Vielfalt als Ressource oder Benachteiligung? Was Erzieher*innen an berufsbildenden Schulen über Differenz lernen sollen

| Sandra Landhäußer und Melanie Kuhn |

Spätestens seit den Debatten um die PISA-Studien in den 2000er Jahren stellt Differenz im Bereich der frühkindlichen Bildung erneut ein zentrales Thema des Fachdiskurses dar. An Kindertagesbetreuung wird die Erwartung gestellt, mit einem quantitativ ausgebauten und qualitativ hochwertigen Angebot einen Beitrag zum Abbau von Bildungsungleichheiten zu leisten. Ein professioneller Umgang mit Differenz und die Förderung und Gewährleistung von Inklusion stellen mittlerweile zentrale Anforderungen an elementarpädagogische Fachkräfte dar, entsprechend breit sind diese Themen nicht nur in den Bildungsplänen der einzelnen Bundesländer für die Kindertagesbetreuung verortet (Meyer, 2017), sondern stellen auch in der Ausbildung (früh)pädagogischer Fachkräfte einen bedeutenden Professionalisierungsbereich dar. Zukünftige Erzieher*innen sollen in ihrer fachschulischen Ausbildung dazu befähigt werden, „Inklusion im Sinne des Verstehens von Verschiedenheit (Heterogenität) als Selbstverständlichkeit und Chance“ zu realisieren, wobei Inklusion „zahlreiche Dimensionen von Heterogenität“ berücksichtige (KMK, 2017, S. 4).

Was will das Projekt?

Doch es stellt sich die Frage, wie angehende Fachkräfte für diese Anforderung qualifiziert werden? In früheren Lehrplänen der Erzieher*innenausbildung wurde Differenz und Inklusion kaum eine systematische Bedeutung zugemessen. Ausgehend von einer Analyse des bundesweiten „kompetenzorientierten Qualifikationsprofil[s] für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an Fachschulen/Fachakademien“ (2012) und des Länderübergreifenden Lehrplans (LAOG 2012) stellt Ute Eggers (2015, S. 98) jedoch fest, dass der curricularen Verankerung diversitäts- und inklusionsorientierter Perspektiven in die länderspezifischen Lehrpläne mittlerweile der Weg geebnet sei. Hier schließt das vorliegende Projekt an und rekonstruiert die Thematisierungsweisen von Differenz in den aktuellen Curricula der 16 Bundesländer zur fachschulischen Erzieher*innenausbildung und in qualitativen Expert*inneninterviews mit Lehr- und Leitungskräften von berufsbildenden Schulen.

Wie sind wir vorgegangen?

Differenzlinien wie Geschlecht, Klasse, Rasse oder Behinderung beeinflussen die Lebensverhältnisse und -chancen von Menschen entscheidend; sie sind ungleichheits- und diskriminierungsrelevant. Leitend ist für uns die konstruktivistische Annahme, dass diese Differenzlinien keine natürlichen Eigenschaften von Menschen sind, sondern sozial konstruierte, also gesellschaftlich produzierte Phänomene. Unter dieser Auffassung haben wir analysiert, wie Differenz in der schulischen Ausbildung von Erzieher*innen hergestellt wird. Die Lehrpläne begreifen wir dabei als Rahmungen der Unterrichtspraxis, die Vorgaben dazu machen, wie die differenzbezogene Professionalisierung zukünftiger Erzieher*innen erfolgen soll. Die von uns geführten Expert*inneninterviews dokumentieren dabei ein Sprechen über die Unterrichtspraxis derjenigen, die angehende Erzieher*innen unterrichten. In diesen lässt sich analysieren, welche Perspektiven Lehr- und Leitungskräfte auf die eigene Unterrichts- und Leitungspraxis einnehmen und wie sie diese legitimieren.

Orientiert am Forschungsprogramm der Grounded Theory (Strübing, 2021) haben wir die gesamten (bislang sieben) Interviews codiert. Bei den Dokumentenanalysen der umfangreichen Lehrpläne sind wir selektiver vorgegangen und haben nur die diejenigen Textstellen, in denen Differenz in irgendeiner Form zum Thema wird, codiert. Daraufhin wurden alle Interviewsequenzen und alle Textstellen aus den Lehrplänen mit Bezug zum Thema Differenz einer sequenziellen Feinanalyse unterzogen. Das bedeutet, dass das Datenmaterial kleinschrittig Zeile für Zeile auf Ebene der einzelnen Textstelle interpretiert wird. Mit Bezug auf weitere Prinzipien der Grounded Theory wie dem Vergleichen von Materialstellen im Hinblick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede oder dem Dimensionalisieren, mit dem Ausprägungen eines Phänomens systematisiert werden, haben wir Muster und Regelmäßigkeiten der Thematisierung von Differenz über unterschiedliche Textstellen hinweg analytisch bestimmt.

Was ist das Ergebnis?

Verortung von Differenz und Inklusion im Lehrplan

In der beruflichen Bildung wurde 1996 die Lernfeldorientierung eingeführt. Ziel war es, den berufsschulischen Unterricht nicht mehr an Unterrichtsfächern, sondern stärker an beruflichen Handlungsanforderungen auszurichten. In diesem Zusammenhang wurden länderübergreifend zusammengesetzte Rahmenlehrplankommissionen beauftragt, lernfeldorientierte Rahmenlehrpläne zu entwickeln (Tramm & Naeve-Stoß, 2020). Für die Ausbildung von Erzieher*innen liegt ein länderübergreifender Lehrplan aus dem Jahre 2012 (LOAG, 2012) und ein „Rahmenlehrplan für die Fachschule für Sozialpädagogik“ (KMK, 2020) vor, welche die Basis für länderspezifische Konkretisierungen bieten. Mittlerweise beziehen sich fünfzehn Bundesländer (außer Baden-Württemberg) auf diese länderübergreifenden Vorgaben.

Im Hinblick auf Differenz verfügt der länderübergreifende Lehrplan wie auch der Rahmenlehrplan zum einen über ein dezidiert differenzbezogenes Lernfeld mit dem Titel „Lebenswelten und Diversität wahrnehmen, verstehen und Inklusion fördern“ (LOAG 2012, S. 18; KMK 2020, S. 30ff.) und weist zum anderen „Inklusion“ (LOAG 2012, S. 4; KMK 2020, S. 4f.) als eine von sechs Querschnittsaufgaben aus. Diese doppelte curriculare Verortung von differenzbezogenen Inhalten als Querschnittsaufgabe und eigenständigem Lernfeld übernehmen nicht alle der fünfzehn an länderübergreifenden Vorgaben orientierten Bundesländer. Während vierzehn dieser Bundesländer Inklusion als Querschnittsaufgabe konzeptualisieren, formuliert Thüringen, in seinem länderspezifischen Curriculum keinerlei Querschnittsaufgaben. Elf dieser fünfzehn Bundesländer (BY, BE, BB, HE, NI, NW, RP, SL, SH, ST, TH)[1] übernehmen ein Lernfeld, in dem Diversität und Inklusion im Zentrum stehen. Bremen kennzeichnet ein entsprechendes Lernfeld etwas abweichend mit der Bezeichnung „Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im gesellschaftlichen Kontext verstehen, alltagsintegrierte Sprachbildung und Sprachförderung im Elementarbereich fördern“. Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen hingegen verzichten auf die Ausweisung eines solchen Lernfeldes, definieren aber ‚Inklusion‘ als Querschnittsaufgabe. Hamburg und Sachsen thematisieren in allen ihren Lernfeldern unter der Querschnittsidee differenzbezogene Aspekte, leisten das aber in jeweils einem Lernfeld deutlich ausführlicher als in den anderen. Somit zeigt sich hier, dass die „Übersetzung“ von Dokumenten in „andere Kontexte“ (Nadai, 2012, S. 157) – von länderübergreifenden Vorgaben zu den länderspezifischen Lehrplänen – zu erheblichen Transformationen führt. Das einzige nicht an den länderübergreifenden Vorgaben ausgerichtete Bundesland, Baden-Württemberg, weist auch eine doppelte curriculare Verankerung auf: Es formuliert ein differenzbezogenes Lernfeld mit dem Titel „Unterschiedlichkeit und Vielfalt leben“ (S. 5) und legt die „Gender-Thematik“ und damit eine einzelne Differenzlinie als ein Querschnittsthema aus (S. 4).

Mit Blick auf die curriculare Verankerung lässt sich festhalten, dass mittlerweile in allen 16 Lehrplänen auf Ebene der Inhalte, Lernziele oder der von Schüler*innen zu erreichenden Kompetenzen auf Differenz Bezug genommen wird. Doch welche Differenzlinien werden dabei wie aufgerufen?

Im Lehrplan thematisierte Differenzlinien

Indem sich die an länderübergreifenden Vorgaben ausgerichteten Lehrpläne auf das Konzept der Inklusion beziehen, das konzeptuell gerade die möglichst simultane Berücksichtigung unterschiedlicher Differenzlinien nahelegt, werden hier viele Differenzkategorien in der Logik einer Aneinanderreihung aufgegriffen. Dies zeigt sich exemplarisch an der von den meisten Bundesländern im Wortlaut entnommenen Formulierung aus den länderübergreifenden Vorgaben: „Inklusion berücksichtigt zahlreiche Dimensionen von Heterogenität: geistige oder körperliche Möglichkeiten und Einschränkungen, soziale Herkunft, Geschlechterrollen, kulturelle, sprachliche und ethnische Hintergründe, sexuelle Orientierung, politische oder religiöse Überzeugung“ (LOAG 2012, S. 4; KMK 2020, S. 4f.). Über den Verweis auf die „zahlreiche[n] Dimensionen von Heterogenität“ (ebd.) wird der Fokus auf Differenz in gewisser Hinsicht vervielfältigt.

Auffallend ist an dieser Vervielfältigung, dass sich die adressierten Phänomene nicht alle den ‚klassischen‘ Differenzkategorien race (Kultur, Ethnizität, Religion, Sprache), class (soziale Herkunft), gender (Geschlechterrollen, sexuelle Orientierung) und dis/ability (geistige und körperliche Möglichkeiten) zuordnen lassen, sondern dass über den Verweis auf politische Orientierung auch Einstellungen und Haltungen aufgerufen werden, die es zu berücksichtigen gelte. Dass in der Reihung die geistigen und körperlichen Möglichkeiten der Adressat*innen zuerst genannt sind, deutet darauf hin, dass die Ausrichtung auf eine „gesunde Normalentwicklung“ – ähnlich zu früheren Lehrplänen – auch in den aktuellen Curricula noch als eine übergeordnete Referenzfolie fungiert (Haude & Volk, 2015, 192).

Benachteiligung und Ungleichheit – nur zum Teil ein Thema in Lehrplänen und Unterricht

Da die Mehrheit der Bundesländer die Formulierung von Inklusion als Querschnittsaufgabe aus den länderübergreifenden Vorgaben übernehmen, taucht die Differenzlinie class (als soziale Herkunft) als ein Aspekt von Inklusion auch in den meisten länderspezifischen Lehrplänen auf. Die Länder thematisieren diese unter unterschiedlichen Begrifflichkeiten, wie z.B. soziale Herkunft, soziale Problemlagen, soziale Kontexte oder materielle Bedingungen. Deutliche Unterschiede zeigen sich dabei darin, wie class aufgegriffen wird. Geht es bisweilen auch um den „Einfluss von sozioökonomischen […] Bedingungen auf die Lebenswelt“ von Adressat*innen (KMK 2020, S. 30; ST, S. 12; auch BB; BE; BY; BW; HB; HH; HE; NW; SH), thematisieren lediglich acht der sechzehn Bundesländer class auch bezogen auf Fragen von Armut und/oder sozialer Ungleichheit (BW, S. 5; BY, S. 63; HB, S. 21; HH, S. 45; MV, S. 16; NI, S. 23; SN, S. 1; SL, S. 98); wenn etwa formuliert wird, dass Schüler*innen über „Wissen zu sozialer Ungleichheit, insbesondere den Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung, Lebens- und Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen und deren gesellschaftlicher Teilhabe“ verfügen (HH, S. 45) oder „ihren Blick für soziale Ungleichheit, benachteiligende Lebenslagen und deren politische Bedingtheit“ schärfen sollen (BW, S. 5).

Während hier Armut und soziale Ungleichheit als potenzielle Beeinträchtigungen von Bildungs- und Lebenschancen und deren politische Ursachen problematisiert werden, wird die Differenzlinie class häufig auch bezogen auf ihre didaktische Nutzbarmachung hin eingefordert, wie es an einer aus den länderübergreifenden Vorgaben entnommenen Formulierung deutlich wird: Die Fachschüler*innen „nutzen die soziale und kulturelle Vielfalt und berücksichtigen bei der inklusiven Arbeit mit allen Kindern besondere Bedürfnisse, die sich vor einem Migrationshintergrund oder aufgrund von physischen oder psychischen Beeinträchtigungen ergeben können“ (BE, S. 5, kursiv MK & SL, auch BB; BY; HE; NW; SH; SN). Besonderer Unterstützungsbedarf von Kindern wird hier lediglich aus den Differenzlinien race und dis/ability abgeleitet, während demgegenüber ungleiche Lebenslagen („soziale Vielfalt“) als Ressource für die Planung pädagogischer Angebote ausgewiesen werden („nutzen“). Hier zeigt sich exemplarisch eine ungleichheitsbezogene Leerstelle des Konzepts der Vielfalt: Wenn soziale Vielfalt wertgeschätzt, aufgegriffen und genutzt werden soll, dann wird eben nicht erwähnt, welche Benachteiligungen mit dieser Zugehörigkeit verknüpft sind.

Dass sich diese unterschiedlichen Thematisierungsweisen von Herkunft und Ungleichheit in den Curricula in der beruflichen Bildung weiter fortschreiben, deuten unsere Expert*inneninterviews zumindest an. Zunächst wird ein entscheidender Unterschied zwischen Lehrplänen und den Expert*inneninterviews deutlich: In den Lehrplänen geht es im Hinblick auf Differenz in erster Linie bezogen auf die Kinder als Adressat*innen der späteren Berufspraxis. Demgegenüber thematisieren die Lehr- und Leitungskräfte Differenz fast ausschließlich bezogen auf die eigenen Schüler*innen. Mit Blick auf die eigene Schüler*innenschaft wird die Kategorie class in nur drei der sieben Interviews thematisch, wenn die Fachschüler*innen insgesamt eher als „privilegiert‘, oder als „aus sozial schwächeren Milieus“ oder einzelne Schüler*innen als „arm“ beschrieben werden. Die von den Lehrkräften gezogenen Konsequenzen für den eigenen Schul- und Unterrichtsalltag unterschieden sich dabei deutlich: Von einer achselzuckenden Nichtberücksichtigung, über das Schaffen von Ausgleichsmaßnahmen (Einrichtung von Computerräumen) hin zu einer Sensibilisierung der Schüler*innen für ihre eigene Privilegiertheit als übergeordnetem Unterrichtsziel.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Alle Lehrpläne beanspruchen, Differenz wertschätzend und anerkennend zu begegnen und fordern, für spezifische Lebens- und Bedarfslagen von Adressat*innen angemessene Bildungsangebote zu konzipieren, um so Benachteiligungen auszugleichen und Chancengerechtigkeit zu gewährleisten. Weniger durchgängig richten die Curricula ihre Aufmerksamkeit auf institutionelle und gesellschaftliche Bedingungen, unter denen differenzbezogene Benachteiligungen erst ihre Wirkung entfalten. Bezogen auf die institutionellen Bedingungen wird in den Lehrplänen kaum dafür sensibilisiert, dass Differenzen in pädagogischen Kontexten nicht nur bearbeitet werden, sondern dass es pädagogische Praktiken, Routinen, Organisationslogiken und Normen der Teilhabe sind, die Unterschiede machen – etwa wenn Herkunftssprachen der Kinder als illegitim markiert werden.

In den vorliegenden Lehrplänen wird bezogen auf die gesellschaftlichen Bedingungen in einer Aneinanderreihung unterschiedlicher Differenzdimensionen zwar ‚soziale Herkunft‘ als vorsoziale Gegebenheit mitaufgelistet; Fragen von sozialer Ungleichheit und Armutslagen werden aber keineswegs durchgängig in den Blick genommen. In Bezug auf die Kategorie class fehlt vor allem ein Blick darauf, Differenz nicht (nur) als Merkmal einer Personengruppe zu verstehen, sondern auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die Ungleichheiten erzeugen. Denn soziale Herkunft wird erst in dem Moment zu einem Differenzmerkmal, wenn andere Kinder privilegiert aufwachsen und mehr Chancen und Ressourcen zur Verfügung haben, um eine bessere Position im sozialen Gefüge einzunehmen. Insofern gelte es noch konsequenter als es bislang der Fall ist, kontextualisierende Perspektiven auf Differenz im Lehrplan zu verorten, die das Handeln der Fachkräfte, Kategorisierungen der Institution, aber auch gesellschaftliche Bewertungen miteinbeziehen. Angehende Erzieher*innen im berufsschulischen Unterricht systematisch für die gesellschaftliche Erzeugung von Differenz zu sensibilisieren, scheint uns bezogen auf den Anspruch, soziale Benachteiligung über frühkindliche Bildung abzubauen, eine weitaus aussichtsreichere Professionalisierungsstrategie zu sein, als ihnen didaktische Kniffe an die Hand zu geben, mit denen sie soziale Herkunft als Ressource im Kita-Alltag vermeintlich bestmöglich „nutzen“ können, wie es manche Lehrpläne suggerieren.

Literaturverzeichnis

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Länderübergreifende Arbeitsgruppe. (2012). Kompetenzorientierter länderübergreifender Lehrplan für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern [Entwurf Stand 01.07.2012]. https://www.boefae.de/wp-content/uploads/2012/11/laenderuebergr-Lehrplan-Endversion.pdf

Meyer, S. (2017). Soziale Differenz in Bildungsplänen für die Kindertagesbetreuung: Eine diskursiv gerahmte Dokumentenanalyse. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20239-2

Nadai, E. (2012). Von Fällen und Formularen: Ethnographie von Sozialarbeitspraxis im institutionellen Kontext. In E. Schimpf & J. Stehr (Hrsg.), Kritisches Forschen in der Sozialen Arbeit: Gegenstandsbereiche – Kontextbedingungen – Positionierungen – Perspektiven (S. 149–163). VS.

Strübing, J. (2021). Grounded Theory: Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung eines pragmatistischen Forschungsstils (4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Springer VS.

Tramm, T. & Naeve-Stoß, N. (2020). Curricula für die berufliche Bildung – Lernfeldstruktur zwischen Situations- und Fächerorientierung. In R. Arnold, A. Lipsmeier & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Berufsbildung (S. 309–324). VS.


[1] Die Abkürzungen hier und im Folgenden stehen für folgende Länder und Lehrplanversionen: Bayern 2017 (BY), Berlin 2016 (BE), Brandenburg 2024 (BB), Nordrhein-Westfalen 2014 (NW), Saarland 2013 (SL), Schleswig-Holstein 2013 (SH), Hamburg 2013 (HH), Mecklenburg-Vorpommern 2017 (MV), Niedersachsen 2016 (NI), Sachsen 2017 (SN), Sachsen-Anhalt 2015 (ST), Thüringen 2014 (TH), Hessen 2023 (HE), Baden-Württemberg 2010 (BW), Rheinland-Pfalz 2024 (RP), Bremen 2017 (HB)

Inklusiver Kita-Alltag und nutzungsfreundliche digitale Lernmedien für den Morgenkreis

| Ina-Marie Abeck, Tori L. Benn, Alice Forssman, Corinna Schmude, Antonia Schäfer |

Eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung und Erziehung hat den Anspruch einer gelebten Inklusion im Kita-Alltag. Zugleich ist diese eine Herausforderung für die Arbeit von pädagogischen Fachkräften. Dieser Thematik hat sich das Projekt PIIQUE (Pro) angenommen und in einer videografischen Studie analysiert, was eine inklusive Gestaltung für gruppenpädagogische Settings bedeutet – konkret den Morgenkreis. Dabei beschränkte sich das Projekt nicht nur darauf, zu untersuchen, wie Morgenkreise inklusiv gestaltet werden können, sondern auch darauf, wie dieses Wissen alltagsnah und digital für pädagogische Fachkräfte zur Verfügung gestellt werden kann. 

Der folgende Beitrag widmet sich den beiden zentralen Themen des Projekts, die letztendlich miteinander verwoben werden: inklusiver Kita-Alltag sowie nutzungsfreundliche, digitale Lernmedien. 

Was will das Projekt?

Thematisch widmete sich das Projekt der Frage, wie Inklusion und Partizipation von Kindern im täglichen Leben einer Kindertageseinrichtung umgesetzt werden können. Dabei ging es spezifisch um die Beteiligung von Kindern in den Interaktionen mit Fachkräften in Morgenkreisen. Überprüft wurde diese anhand der Identifizierung sogenannter inkludierender und exkludierender Interaktionsmodi auf Grundlage der Diskursorganisation (Przyborski, 2005; Bohnsack & Przyborski, 2010; Nentwig-Gesemann et al., 2012). Außerdem wurden im Laufe des Projektes digitale und crossmediale – d. h. medienübergreifende – Lernformate entwickelt. Ziel war es, diese didaktisch und medial so zu gestalten, dass sie für frühpädagogische Fachkräfte im Berufsalltag leicht zugänglich sind. Die empirischen Ergebnisse zu den inkludierenden und exkludierenden Interaktionsmodi zwischen frühpädagogischen Fachkräften und Kindern speziell im Setting Morgenkreis wurden analysiert und die gewonnenen Erkenntnisse so aufbereitet, dass sie zu einer Professionalisierung der Frühpädagogik im Bereich der inklusiven Gestaltung des Kita-Alltags beitragen können. Inkludierende Interaktionsmodi werden als solche bezeichnet, wenn es innerhalb der Fachkraft-Kind-Interaktion gelingt, aufeinander abgestimmt und reziprok zu agieren – »in einem Modus der Rahmenkongruenz« (Nentwig-Gesemann et al., 2012, S. 60). Auf der anderen Seite werden solche Interaktionsmodi als exkludierend bezeichnet, in denen »in einem Modus der Rahmeninkongruenz aneinander vorbei bzw. oppositionell gegeneinander agiert wird« (ebd.).

Wie sind wir vorgegangen?

Das vom Institut für angewandte Forschung Berlin (IFAF) geförderte Forschungsprojekt PIIQUE (Pro)der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) und der Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin (HTW) lief von April 2020 bis April 2024 unter der Leitung von Prof. Dr. Corinna Schmude (ASH) und Prof. Alexander Müller-Rakow (HTW). Für die zentrale Frage nach inkludierenden und exkludierenden Interaktionsmodi fanden in den Jahren 2020 und 2022 empirische Erhebungen statt. Hierfür wurden insgesamt 24 Morgenkreise – je zwei mit 12 verschiedenen Fachkräften in unterschiedlichen Kitas in Berlin und Brandenburg – videografiert, zusätzlich wurden mit den jeweiligen Fachkräften Kurzinterviews (Helfferich, 2011) geführt. Erfragt wurden Alter, Berufserfahrung und Besonderheiten der gefilmten Morgenkreise. Im nächsten Schritt wurde ein deduktiv erarbeitetes Kategoriensystem der Interaktionsmodi erstellt. Die Kategorien wurden aus der Fachliteratur abgeleitet – genauer gesagt, aus Forschungsergebnissen zu Interaktionsmodi anhand der Dokumentarischen Methode. Dieses Kodierhandbuch diente als Grundlage der Datenanalyse und wurde im Prozess der Erarbeitung peer reviewed evaluiert. Auf dessen Grundlage erfolgte die Auswertung des Materials, angelehnt an Mayring (2015; Mayring et al., 2005) durch eine strukturierende qualitative Inhaltsanalyse mittels der Software MAXQDA. Es war eine besondere Herausforderung, die Ergebnisse der dokumentarischen Analysen von vorheriger Forschung (u. a. Nentwig-Gesemann et al., 2012) zur Grundlage der Arbeit mit der strukturierenden Inhaltsanalyse zu transformieren. Nach einer ersten Auswertung des Datenmaterials wurde die Analyseeinheit auf die in den Morgenkreisen identifizierten Gesprächsrunden fokussiert. Diese ermöglichen eine Beteiligung aller Kinder und können demzufolge inkludierende bzw. exkludierende Interaktionen sichtbar machen. Somit eignen sich diese Ausschnitte besonders zur Erfassung von inklusivem Handeln.

Parallel zur videografischen Studie hatte das Projekt das Ziel, innovative digitale Lerntools zu erarbeiten. Dazu wurden Design Research Methoden und partizipatives Design (Dalsgaard & Halskov, 2010) genutzt. Partizipatives Design ist als ein Entwicklungsprozess zu verstehen, bei dem die potentiellen Nutzer*innen, Designer*innen und Technologie-Expert*innen zusammenarbeiten. Im Projekt wurden dazu Methoden wie Cultural Probes (ein partizipativer Ansatz der ethnografischen Selbstbeobachtung, Gaver et al., 1999), Workshops (digital und in Präsenz) sowie Gruppendiskussionen durchgeführt, in denen die Perspektive der Fachkräfte im Fokus stand (Kühn & Koschel, 2018). Zusätzlich fanden Befragungen und Prototypen-Testings in den Kitas, User-Testing-Workshops (Bachmann, 2009), Expert*innen-Interviews (Bogner et al., 2014) und interdisziplinäre projektinterne Design-Sprint-Treffen statt (Schäfer & Müller-Rakow, 2022).

Um die beiden Handlungsstränge des Forschungsprojektes zu verbinden und sich somit dem übergeordneten Ziel des Theorie-Praxis-Transfers zu nähern, wurden zwei weitere Vorhaben entwickelt. Das erste Unterziel war die Überführung der fachwissenschaftlichen Formulierungen des Kategoriensystems in eine alltagsnahe Sprache. Hierfür wurden in einem iterativen[1] Prozess die einzelnen inkludierenden und exkludierenden Interaktionsmodi umformuliert und schließlich mit pädagogischen Fachkräften auf ihre Verständlichkeit und im Peer-Review-Verfahren auf die inhaltliche Korrektheit evaluiert. In enger Kooperation mit den Projektpartner*innen[2] wurden Praxisbeispiele zusammengetragen, um somit das zweite Unterziel einer Sammlung von realitätsnahen Handlungsbeispielen als Grundlage für digitale Lerninhalte zu erreichen.

Was ist das Ergebnis?

Ein wesentliches Ergebnis aus den Analysen der empirischen Erhebungen ist die Erweiterung der inkludierenden und exkludierenden um komplementäre Interaktionsmodi. Der komplementäre Modus wurde im Kontext der Unterrichtsforschung formuliert und beruht auf der Unterschiedlichkeit der Interaktionspartner*innen und der Spezifik der institutionell gerahmten und asymmetrisch organisierten Interaktionsstruktur (Martens & Asbrand, 2017). Er ist darüber hinaus spezifisch durch eine Erwachsenenorientiertheit gekennzeichnet (ebd.). Fachkräfte verfolgen dabei das Ziel, dass institutionelle Ordnungen eingehalten werden. Interaktionen, die diesem Modus folgen, unterstützen demnach einen reibungslosen Ablauf und sind im Morgenkreis typischerweise gekennzeichnet von Frage-Antwort-Rückmeldung-Runden, in denen die Fachkraft einen Gegenstand, wie z. B. Wetter, Tiere oder Regeln der Einrichtung bespricht. Langanhaltende, in die Tiefe gehende und an der Perspektive des Kindes orientierte Gespräche finden hier aber nicht statt.

Die 15 Interaktionsmodi werden in vorherigen Untersuchungen in acht inkludierende und sieben exkludierende Modi unterteilt. Ein Ergebnis des Projektes war es, zwei der inkludierenden nun den komplementären Modi zuzuordnen. Die Analysen ergaben, dass die institutionelle Rahmung und die Fokussierung aller Beteiligten in den Interaktionen auf Regeln und Normen der Einrichtung eine neue Einteilung dieser zwei Modi erfordern. In ihnen gelingt ein Bezug zwischen Fachkraft und Kind(ern), das gemeinsame Ziel konzentriert sich auf die Institution. In der weiteren Analyse der beiden komplementären Interaktionsmodi konnte ein Modus als komplementär-inkludierend und der andere Modus als komplementär-exkludierend eingestuft werden (Forssman et al., im Druck; Schmude et al., im Druck).

Im Projekt konnte festgehalten werden, dass sich die Interaktionen in den Gesprächsrunden in der Hälfte aller Morgenkreise im inkludierend-komplementären Bereich bewegten. Diese Interaktionen folgen der Logik kommunikativer Regeln, Fachkraft und Kinder sind an den Relevanzen der Fachkraft orientiert, sie basiert auf der Reziprozität der Akte – Kinder und Fachkraft verstehen sich wie selbstverständlich und schließen unmittelbar aneinander an (Nentwig-Gesemann & Gerstenberg, 2018). Die Interaktion findet hier einvernehmlich statt, das heißt, die Kinder richten sich an der von der Fachkraft vorgegebenen institutionellen Ausrichtung aus und zeigen unter anderem Interesse an dem besprochenen Gegenstand und bringen sich rege ein. Dem komplementären Interaktionsmodus mit exkludierender Ausrichtung wurden vier von 22 Gesprächsrunden zugeordnet. Es lassen sich darin miteinander korrespondierende habituelle Orientierungen beobachten, sie basieren aber auf der institutionellen Fremdrahmung der Akteur*innen (Martens & Asbrand, 2017). Im Gegensatz zur inkludierenden Ausrichtung setzt die Fachkraft ihre Orientierung hier machtvoll z.B. mittels Druck, Lob und Tadel durch, so dass sich die Kinder danach ausrichten.

Damit ist der komplementäre Modus insgesamt mit über zwei Dritteln der analysierten Gesprächsrunden vorherrschend, allerdings überwiegend in einer inkludierenden Ausrichtung. Auch die anderen beobachteten Interaktionen konnten unterschiedlichen inkludierenden Modi zugeordnet werden, rein exkludierende Interaktionsmodi wurden nicht identifiziert. 

Designmethodisch konnte herausgearbeitet werden, dass frühpädagogische Fachkräfte sich kurzweilige, unterhaltsame, modulare und digitale Lernformate wünschen. Die Lernthemen sollen individuell verfolgt werden können und sich adaptiv an die eigene Situation im Berufsfeld anpassen lassen. Die didaktische Aufbereitung von wissenschaftlichen Inhalten soll in kurz gehaltenen Informationseinheiten und in alltagsnaher Sprache gestaltet sein sowie durch illustrative Fallbeispiele veranschaulicht werden. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse aus den designbasierten Methoden wurde eine digitale Lernanwendung, ein Lern-App-Prototyp (LernSnacks), entwickelt. Ziel ist es, in dieser App aktuelle Forschungsergebnisse für Kita-Fachkräfte bereitzustellen. Hierfür wurden die Ergebnisse aus der videografischen Studie genutzt. Dazu war es notwendig, die wissenschaftlich fundiert formulierten Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie für frühpädagogische Fachkräfte in kleinen Lerneinheiten zugänglich sind. In Workshops wurde daher gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften an den Formulierungen sowie an den unterschiedlichen Lerneinheiten gearbeitet. Die wissenschaftliche Schärfe wurde wiederum in Gesprächen mit einer Expertin im Bereich der Kindheitsforschung und Professionalisierung der Frühpädagogik sichergestellt.

Was kann das für die pädagogische Praxis bedeuten?

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts zeigen, dass der Morgenkreis ein intensiv genutztes pädagogisches Angebot in Kindertagesstätten mit einem hohen Stellenwert ist. Es wird aber auch deutlich, dass es noch Gestaltungspotentiale des Morgenkreises gibt. So wurden zwar im Großteil der untersuchten Morgenkreise inkludierende Fachkraft-Kind(er)-Interaktionen festgestellt, diese orientierten sich jedoch überwiegend an den Interessen, Vorstellungen, Handlungen und Ideen der Fachkräfte. Im Sinne inklusiver Bildung sind inkludierende, kindorientierte Interaktionen anzustreben. Als gruppenpädagogisches Alltagsritual kann der Morgenkreis bewusst als Ort des Austauschs und der Demokratiebildung gestaltet werden, in dem alle Kinder konsequente Teilhabe und -gabe erfahren. Dafür kann unter anderem die im Projekt untersuchte Möglichkeit kindlicher Beteiligung bei der Auswahl sowie der Gestaltung der Aktivitäten, die im Morgenkreis stattfinden, stärker und gezielter wahrgenommen werden (Abeck et al., 2023).

Die Entwicklung und Bereitstellung des Lernanwendungsprototypen, der sich nun in der Testphase befindet, sollen pädagogischen Fachkräften Zugang zu den Ergebnissen und Erkenntnissen des Projektes ermöglichen. Die wissenschaftlich fundierten Inhalte sind in alltagsnaher Sprache in kurzen Lerneinheiten nutzer*innenfreundlich aufbereitet und mit aus der Praxis entnommenen Beispielen veranschaulicht. So können trotz oft begrenzter Zeit neue Handlungsweisen erlernt und in den Arbeitsalltag integriert werden (Wirts et al., 2019). Die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit den Inhalten kann zur Reflexion des eigenen professionellen Handelns anregen und damit zur Professionalität in der Kindheitspädagogik einen Beitrag leisten. So soll der im Projekt entwickelte Lernanwendungsprototyp eine niedrigschwellige, kostenfreie sowie flexible Ergänzung zu der unübersichtlichen Weiterbildungslandschaft darstellen. 

Der Prototyp der Lernanwendung wird vorerst auf der E-Learning-Plattform InDiPaed unter folgendem Link getestet und bereitgestellt: www.indipaed.de/courses/interaktionsqualitaet-kita 

Literatur

Abeck, I., Jegodtka, A. & Schmude, C. (2023). Partizipationsmöglichkeiten von Kindern in gruppenpädagogischen Settings. Eine empirische Untersuchung von Partizipation als Schlüsselelement einer inklusiven Alltagsgestaltung in Kindertageseinrichtungen. Frühe Bildung, 12(2), 65-116.

Bachmann, H.W. (2009). Systematische Lehrveranstaltungsbeobachtungen an einer Hochschule. Bielefeld: UVW.

Bogner, A., Littig, B. & Menz, W. (2014). Interviews mit Experten. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

Bohnsack, R. & Przyborksi, A. (2010). Diskursorganisation, Gesprächsanalyse und die Methode der Gruppendiskussion. In R. Bohnsack, A. Przyborksi, & B. Schäffer (Hrsg.), Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis (S. 233 – 248). Opladen: B. Budrich.

Dalsgaard, P. & Halskov, K. (2010). Innovation in participatory design. Proceedings of the 11th Biennial Participatory Design Conference on – PDC ’10, 281.

Forssman, A., Schmude, C., Benn, T.L., Abeck, I.-M. & Schäfer, A. (i. D.). Interaktionsqualität zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern im Kontext der Frühpädagogik: Komplementäre Interaktionsmodi im Fokus. In A. Flügel, I. Landrock, J. Lange, B. Müller-Naendrup, J. Wiesemann, P. Büker & A. Rank (Hrsg.), Jahrbuch Grundschulforschung (Bd. 28). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Gaver, B., Dunne, T. & Pacenti, E. (1999). Design: Cultural probes. Interactions, 6(1), 21-29.

Helfferich, C. (2011). Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews (4. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

Kühn, T. & Koschel, K.-V. (2018). Gruppendiskussionen. Ein Praxis-Handbuch (2. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

Martens, B. & Asbrand, M. (2017). Passungsverhältnisse: Methodologische und theoretische Reflexion zur Interaktionsorganisation des Unterrichts. Zeitschrift für Pädagogik, 1(63), 72-90.

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (12. Aufl.). Weinheim: Beltz Pädagogik.

Mayring, P., Gläser-Zikuda, M. & Ziegelbauer, S. (2005). Auswertung von Videoaufnahmen mit Hilfe der Qualitativen Inhaltsanalyse – Ein Beispiel aus der Unterrichtsforschung. MedienPädagogik Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 9, 1-17.

Nentwig-Gesemann, I. & Gerstenberg, F. (2018). Typen der Interaktionsorganisation in (früh-)pädagogischen Settings. In R. Bohnsack, N.F. Hoffmann & I. Nentwig-Gesemann (Hrsg.), Typenbildung und Dokumentarische Methode: Forschungspraxis und methodologische Grundlagen (S. 131 – 150). Opladen: B. Budrich.

Nentwig-Gesemann, I., Wedekind, H., Gerstenberg. F. & Tengler, M. (2012). Die vielen Facetten des ‚Forschens‘. Eine ethnografische Studie zu Praktiken von Kindern und PädagogInnen im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Bildungsangebots. In I. Nentwig-Gesemann, K. Fröhlich-Gildhoff & H. Wedekind (Hrsg.), Forschung in der Frühpädagogik V. Schwerpunkt: Naturwissenschaftliche Bildung – Begegnungen mit Dingen und Phänomenen (S. 33 – 64). Freiburg i.B.: FEL Verlag.

Przyborski, A. (2005). Gesprächsanalyse und Dokumentarische Methode. Qualitative Auswertung von Gesprächen, Gruppendiskussionen und anderen Diskursen. Wiesbaden: Springer VS.

Schäfer, A. & Müller-Rakow, A. (2022). Eine kritische Reflexion partizipativer Methoden für die Gestaltung transmedialer Lernformate in der frühpädagogischen Fachkräftebildung. In K. von Marky, U. Grünefeld & T. Kosch (Hrsg.), Mensch und Computer 2022 – Workshopband (S. 1 – 2). Bonn: Gesellschaft für Informatik e.V.

Schmude, C., Abeck, I.-M., Herold, J., Benn, T.L., Forssman, A., Schäfer, A. & Jegodka, A. (i. D.). Professionalisierung der Interaktionsqualität im Morgenkreis als inklusives Alltagssetting. In I. Nentwig-Gesemann, K. Fröhlich-Gildhoff & K. Wedekind (Hrsg.), Forschung in der Frühpädagogik. Freiburg i.B.: FEL. 

Wirts, C., Cordes, A.-K., Egert, F., Fischer, S., Kappauf, N., Radan, J., …, Becker-Stoll, F. (2019). Abschlussbericht der Evaluationsprojekte BiSS-E1 und BiSS-E2 (Wissenschaftliche Begleitung im Rahmen der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift). München: Staatsinstitut für Frühpädagogik.


[1] Die Arbeit in einem iterativen Prozess bedeutet, dass gleiche oder ähnliche Schritte wiederholt werden, um sich Schritt für Schritt einer Lösung bzw. einem Ergebnis zu nähern.

[2] Projektpartner*innen des Projektes sind FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH, pad gGmbH und Studio Sansho sowie InDiPaed und KiGäNo. Der wissenschaftliche Beirat unter der Leitung von Prof. Dr. Aljoscha Jegodtka begleitet das Projekt durch wissenschaftliche Beratung und Qualitätssicherung.

Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ – ein kommunales Programm zur Unterstützung von Kitas in belasteten Sozialräumen

| Annekatrin Lorenz und Silke Stöcker |

Kindertageseinrichtungen übernehmen neben der Familie eine wachsende Verantwortung für die Bildung und Entwicklung von Kindern im Vorschulalter. Sie bieten Kindern einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen können und die Chance, sich nach ihren Interessen und Neigungen zu entfalten, Wissen anzueignen, Vielfalt zu erleben und soziale Erfahrungen zu sammeln.

Pädagogische Fachkräfte stellen sich der Aufgabe, den Potenzialen und besonderen Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Sie stehen dabei vor der Herausforderung, die individuellen Lebenslagen der Kinder noch stärker als bisher in den Blick zu nehmen, um den Alltag in der Kindertagesstätte für alle Kinder anschlussfähig zu machen.

Was will das Projekt? Was ist das Phänomen?

Kitas in Stadträumen mit einer hohen Verdichtung sozialer Problemlagen sind in mehrfacher Weise herausgefordert. Sie begleiten eine hohe Anzahl an Kindern mit schwierigen Aufwachsensbedingungen (Armutslagen, psychisch erkrankte Eltern, Flucht- und Migrationserfahrung) und den damit verbundenen Risiken und Folgen für ihre Entwicklung. Zugleich sind die Kitas dadurch oft strukturell und fachlich besonders beansprucht. Beide Risikolagen, die auf Seiten der Kinder und Familien, wie auch auf Seiten der Institution, verdichten sich und schaukeln einander gegenseitig auf (Doppelkumulation, vgl. Sehm-Schurig 2023).

Das Dresdner Handlungsprogramm möchte Kitateams darin unterstützen, diesen Herausforderungen fachlich gestärkt zu begegnen und die Kita zu einem guten und sicheren Lern- und Entfaltungsort für alle Kinder mit ihren je individuellen Bedürfnissen und Vorerfahrungen zu entwickeln. Der Blick liegt aber auch darauf, was pädagogische Fachkräfte brauchen, um der andauernden Beanspruchung gut gewachsen zu sein und die eigenen Ressourcen zu erhalten. 

Wie sind wir vorgegangen?

Seit 2008 werden im Abstand von 3 bis 5 Jahren Kitas nach einrichtungs- und stadtteilbezogenen Sozialdaten für die Beteiligung am Programm ausgewählt (Dresdner Mehrbedarfsindex). In den auf diese Weise vorausgewählten Kitas werden Gruppendiskussionen mit mindestens der Hälfte des Teams geführt, um deren Binnenperspektive auf die Situation der Einrichtung und die Lebenslagen der Kinder und Familien, die sie betreuen, zu erfassen. Dieser partizipative Ansatz dient der Validierung der statistischen Vorauswahl, führt aber auch zu einer ersten Sensibilisierung der Pädagog*innen für die Ziele und inhaltlichen Orientierungen im Programm und unterstützt damit die Motivation für die Beteiligung.

Abbildung 1 Struktur im Dresdner Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ (eigene Darstellung)

Das Kompetenz- und Beratungszentrum (KBZ) begleitet die Einrichtungen in ihren je unterschiedlichen Entwicklungswegen mit dem Ziel, eine lebenslagenorientierte Alltagspraxis zu entwickeln, Teilhabebarrieren aufzuspüren und abzubauen. Fachliche Grundlage hierfür ist das Entwicklungskonzept „Lebenslagensensible Kindertageseinrichtung“ (Lorenz, Stöcker et.al. 2021).

Die zusätzlichen Ressourcen für die beteiligten Kitas bestehen darüber hinaus in einer*einem sozialpädagogischen Mitarbeiter*in (SPMA) und erhöhter verfügungsfreier Zeit für das Team. In den 14 Kitas, die auf den höchsten Rängen im sog. Mehrbelastungsindex stehen, wurde das Personal um bis zu 70% in der Kernzeit aufgestockt, es erfolgt eine sehr dichte Prozessbegleitung und ein erhöhtes Sachkostenbudget steht zur Verfügung (Aktionsplan „zusätzliche Ressourcen – Kita²“).

Was ist das Ergebnis?

Schritt 1: Etablierung der Funktionsstelle der SPMA

Die zusätzliche Stelle eines/einer sozialpädagogischen Mitarbeitenden war zunächst Kernelement im Handlungsprogramm. Sie ergänzt die frühpädagogische Perspektive und deren Wirkungsfeld in den Programmeinrichtungen, indem sie den Blick auf Ursachen und Folgen sozialer Ungleichheiten in den pädagogischen Alltag einbringt. Die Umsetzung der Programmziele liegt nicht auf den Schultern dieser einzelnen Person, sondern wird vom gesamten Team der Einrichtung getragen.

Die Aufgabenfelder der/des SPMA liegen auf den Wirkungsebenen der Kinder, der Familien, des pädagogischen Teams sowie der Vernetzung im Sozialraum.

Schritt 2: Schaffung von Reflexionsräumen

Die Mitarbeiter*innen des KBZ unterstützten die Kita-Teams darin, sich für den kollegialen Austausch Freiräume zu erschließen und Kompetenzen anzueignen. Zu diesem Zweck wurde auch die Vernetzung der beteiligten Einrichtungen untereinander befördert und durch entsprechende Formate flankiert (Leitungscurriculum, Austauschformate für Leitungsteams und Reflexionsgruppen).   

In diesen Diskursräumen werden sich schwierig gestaltende Entwicklungsbegleitungen von Kindern und Familien und mögliche Ursachen in der familiären Lebenssituation reflektiert. Aber auch die eigene pädagogische Praxis wird dabei kritisch in den Blick genommen: an welcher Stelle behindern unsere Abläufe und Strukturen, aber auch die Form und Ausgestaltung unserer Angebote kindliche und familiäre Teilhabe und wo reproduzieren wir somit soziale Ungleichheiten?

Schritt 3: Erkundung und Beantwortung von spezifischen Fortbildungsbedarfen

Das KBZ bietet im Rahmen einer einrichtungsbezogen geplanten Fortbildungsstrategie fachlichen Input für die Teams (Inhouse und übergreifend), bspw. zum Lebenslagenkonzept, Kinderarmut, Umgang mit familienkultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit, Kinderrechte und institutioneller Kinderschutz, Traumapädagogik, Resilienz bei Kindern und Fachkräften u.v.m. Es etabliert Formate für den kollegialen fachlichen Austausch (Kollegiale Beratung, Kindbesprechung) und erarbeitet passgenau Fachempfehlungen, Methoden und Praxishandreichungen.

Schritt 4: Etablierung zielgruppenorientierter Angebote und Netzwerkarbeit

Aus den Reflexionen der pädagogischen Alltagspraxis werden Handlungsableitungen für die Gestaltung einer passfähigeren Angebotsstruktur für Kinder und Familien getroffen. Kinder, die in unsicheren Beziehungen aufwachsen, brauchen in der Kita verlässliche Bezugspersonen, vorhersehbare (Tages-)Strukturen und entwicklungsangemessene Partizipationsmöglichkeiten. Insbesondere wenn Beziehungsangebote nicht kontinuierlich gesichert werden können, bieten Visualisierungen von Abläufen/Übergängen im Kita-Alltag, vertraute Peers und räumliche Gegebenheiten wichtige Anker.

Für vielfältige Bildungsanregungen und um Kindern Erfahrungen anzubieten, die sie ggf. im familiären Umfeld nicht machen können, gibt es etablierte Kooperationen im Sozialraum (Abenteuerbauspielplatz, Familientreffs, Sportvereine, Kletterhalle). Spezifische Angebote berücksichtigen die besonderen Situationen der Familien (Krabbelgruppe für Geschwisterkinder, Vorlesetag in Familiensprachen, gemeinsames Wandern, Unterstützung bei Anträgen und Behördenkontakten). Mit Familientreffs-/beratungsstellen, dem Kinder- und Jugendärztlichen Dienst, Horten und Schulen wurden fallunabhängige Kooperationen etabliert.

Schritt 5: (Weiter)Entwicklung einer lebenslagenorientierten frühpädagogischen Praxis 

Grundlage einer zielgerichteten und lebenslagenorientierten Entwicklungsbegleitung von Kindern ist eine ressourcenorientierte Beobachtungspraxis und systematische pädagogische Planung. Die Strukturen in den Einrichtungen und die vorliegenden Konzepte und Methoden machten beides bislang nur unzureichend realisierbar. Das Kompetenz- und Beratungszentrum hat in den letzten Jahren gemeinsam mit Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen an der Entwicklung einer praxistauglichen pädagogischen Diagnostik und anschlussfähigen Planung von Bildungsanregungen gearbeitet, das über sozialpädagogisches Fallverstehen angereichert und qualifiziert wird. Hierfür ist aktuell ein spezielles Format der lebenslagenorientierten Kindbesprechung in der Erprobung, welches u.a. auf den Ergebnissen von Frühwarnscreening und Entwicklungsbeobachtung aufbaut und Informationen über die Lebenslage des Kindes systematisch einbezieht. Auch die Ableitungen von Bildungsanregungen werden lebenslagenorientiert strukturiert und aufgebaut.

Was kann das für Praxis und Forschung bedeuten?

Zusammenfassung

Gelingensbedingungen im Dresdner Programm sind folgende Aspekte:

  • Engagierte, von der Idee überzeugte Akteure mit fachlichem Anspruch auf allen Ebenen (päd. Fachkräfte, Leitung, Träger, Kommune, Kooperationspartner)
  • Zusätzliche Ressourcen für eine stringente, engmaschige externe fachliche Begleitung der Kitas
  • Frühzeitige Beteiligung und Sensibilisierung der Teams für das Anliegen und die Implikationen
  • Stabile personelle und institutionelle Rahmungen als Voraussetzung für Bereitschaft und Offenheit für Innovationsprozesse
  • Rahmenbedingungen für längerfristige Entwicklungsprozesse (kein kurzfristiges Modellvorhaben)

Pädagogische Prozesse und Strukturen in Kindertageseinrichtungen sind oftmals (noch) nicht anschlussfähig an die Heterogenität der Familienkulturen und individuellen Vorerfahrungen der Kinder, die heute und vor allem in sozial verdichteten Stadträumen in den Kitas begleitet werden.

Um Teilhabechancen zu erhöhen und Barrieren abzubauen, braucht es Wandlungsbereitschaft, Abenteuerlust und Flexibilität bei allen Beteiligten. Die zusätzlichen Ressourcen sind wesentliche Gelingensbedingung und erhöhen Motivation und Gestaltungsspielräume. Einige Impulse und Anregungen können aber auch jenseits von Programmen und Projekten umgesetzt werden.

Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass es für die Arbeit in diesen Einrichtungen eines grundlegenden Konzepts einer lebenslagenorientierten Pädagogik bedarf. Der Einsatz von Sozialpädagog*innen ergänzt die Frühpädagogik in den Einrichtungen, ein lebenslagenorientiertes Konzept würde diese Expertise integrieren.

Lebenslagenorientiert ausgebildete Pädagog*innen reagieren auf einen stabilen fachlichen Bedarf innerhalb der Frühpädagogik. Die lebenslagenorientierte Motivation der Fachkräfte ist von vornherein und grundsätzlich Teil der Spezialisierung. Sie können in jeder Kita arbeiten, während es umgekehrt von der persönlichen Eignung und Motivation einzelner Fachkräfte abhinge, ob das in Kitas belasteter Sozialräume gelingt. Lebenslagenorientierte Pädagogik ist auf Dauer angelegt und nicht an Programme gebunden.

Literaturverweise

Programm-Website: https://aufwachsen-in-sozialer-verantwortung.de/

Lorenz, A., Stöcker, S. (2021). Das Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ der Landeshauptstadt Dresden. 4. Fortschreibung 2020. Dresden, Deutschland. Zugriff am 30.05.2024 unter https://aufwachsen-in-sozialer-verantwortung.de/entwicklungskonzept

Sehm-Schurig, S. (2023). Bericht der Formativen Evaluation des Aktionsplanes „Erweiterte Ressourcen Kita²“. unveröffentlichter Evaluationsbericht

Demokratiebildung in Qualitätsverfahren der Kindheitspädagogik – von Anti-Diskriminierung, Diversität und Inklusion: Was steht drin, wenn’s drauf steht?

| Hoa Mai Trần |

Einleitung

Die Diskussion um Qualität in der frühkindlichen Bildung wurde maßgeblich durch den „Pisa-Schock“ 2001 vorangetrieben. Qualitätsverfahren werden als Instrumente zur Steuerung der pädagogischen Praxis angesehen. Neben quantitativem Ausbau wurden Bildungs- und Orientierungspläne erstellt, und Fragen nach „guter“ Qualität aufgeworfen. Dies führte zu einem verstärkten Fokus auf Effizienz und Wirtschaftlichkeit, wobei Qualität definiert und überprüft werden musste. Es entstanden zahlreiche Verfahren und Instrumente zur Qualitätsentwicklung und -sicherung, wobei unterschiedliche Ansätze und Modelle diskutiert wurden. Dabei wurden und werden sowohl interne als auch externe Evaluationen verwendet, um Qualität zu sichern oder zu verbessern. Kontroversen gibt es nach wie vor darüber, wer „gute“ Qualität festlegt und überprüft und wie demokratisch und inklusiv diese Verfahren sind. Peter Moss betont, dass Qualität nicht nur objektiv gemessen werden kann, sondern ein konstruierter und kollektiver Prozess der Bedeutungskonstruktion sind (Pence, Moss 1994, S. 172; Moss 2016, S. 10, 15). Er schlägt vor, Evaluation als demokratischen Prozess zu verstehen, bei dem verschiedene Akteure gemeinsam Sinn und Bedeutung konstruieren. Demokratiebildung sollte daher integraler Bestandteil der Qualitätsdiskussion sein, um ein professionelles und demokratisches Bildungssystem zu gewährleisten (Dahlberg et al. 2013, S. xv; Moss 2016, S. 11f.; Moss, Urban 2010). Im 16. Kinder- und Jugendbericht wird die Bedeutung von Demokratiebildung in der Kindertagesbetreuung hervorgehoben (BMFSFJ 2020, S. 163ff., 176). Gefordert wird eine stärkere Ausrichtung an Demokratiebildung in der Analyse von Bildungsplänen (Wolter 2021), der Bedarf der Analyse von Qualitätsdiskursen im Elementarbereich wird verdeutlicht. Diese sind folglich stärker auf Demokratiebildung auszurichten, was das Vorhaben im Rahmen des Kompetenznetzwerks „Demokratiebildung im Kindesalter“ der Fachstelle Kinderwelten (ISTA) aufgriff.

Was will das Projekt?

Verschiedene Qualitätsverständnisse führten zu den verschiedenen Verfahren und Instrumentarien, die in der kindheitspädagogischen Landschaft Anwendung fanden und finden. Doch wer definiert „gute“ Qualität auf welcher Art und Weise? Im Rahmen des Kompetenznetzwerk für Demokratiebildung im Kindesalter angesiedelt an der Fachstelle Kinderwelten (ISTA) wurde 2021-2023 eine Dokumentenanalyse zu „Demokratiebildung in Qualitätsverfahren“ durchgeführt. Ziel der Analyse ist es, einen kritischen Blick in die heterogene Qualitätslandschaft mit Fokus auf den Elementarbereich zu werfen. Es wurden 21 Qualitätsverfahren auf die Schwerpunkte: Demokratie, Partizipation, Kinderrechte, Diversität, Diskriminierung und Inklusion analysiert. Demokratiebildung wird als fortlaufender Prozess und auf Ebene der Bildungsprozesse von Kindern als Erfahrungs- und Lebensform verstanden (Oelkers 2011, S. 121ff.; Eberlein et al. 2021, S. 12, 212), der es allen Mitgliedern einer Gesellschaft ermöglichen soll, aktiv an demokratischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Kinderrechte sind als grundlegende demokratierelevante Rechtsanker für Kinder, die Anforderung an pädagogische Fachkräfte zur Einhaltung von Schutz-, Beteiligungs- und Förderrechten von Kindern verankern (UN-Kinderrechtskonvention 1989). Partizipation ist historisch in reformpädagogischen Bewegungen verankert, und stellt ein zentrales Prinzip dar, welches die Beteiligung von Kindern in Inhalt und Form befördert (Ruppin 2018; Schwerdt et al. 2023, Hansen et al. 2011). Diversität wird als wichtige Perspektive hervorgehoben, da die heterogenen Zugehörigkeiten und Lebenslagen von Kindern und Familien in der pädagogischen Arbeit bedeutsam werden (Hormel 2007, S. 27, Stenger et al. 2017, S. 9). Diskriminierung, als Ausschluss oder Benachteiligung bestimmter Gruppen, wird als „Demokratiedefizit“ unvereinbar mit dem demokratischen Anspruch betrachtet und erfordert eine aktive Auseinandersetzung und Gegenmaßnahmen (BMFSFJ 2020, S. 164f.; Scherr 2016). Inklusion zielt darauf ab, die Teilhabe von Kindern an Bildung und Gesellschaft chancengerecht zu gewährleisten. Erwähnenswert ist hierbei der erfolgte Paradigmenwechsel, welcher nicht mehr ein vermeintliches Defizit bei Kindern fokussiert, sondern Behinderungen auf gesellschaftliche Defizite betrachtet, welche als Barrieren in Strukturen und Institutionen wirksam sind und entsprechend abgebaut werden müssen (Degener 2010, S. 58; Wagner 2022). Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention verpflichtet Teilhabe im Bildungssystem umzusetzen, doch nach wie vor besteht Handlungsbedarf, um ein inklusives Bildungssystem zu schaffen. Innerhalb der Dimensionen und Zugänge über Demokratiebildung, Partizipation, Kinderrechte, Diversität, Anti-Diskriminierung und Inklusion gibt es viele inhaltliche Überschneidungen. Die Diskussion um diese in diesem Beitrag knapp skizzierten Konzepte reflektiert die komplexen demokratierelevanten Herausforderungen für die pädagogische Praxis und die Notwendigkeit einer kontinuierlichen wertebasierten Auseinandersetzung mit Qualitätsverfahren und der Weiterentwicklung von Demokratiebildung im Kindesalter auf.

Wie geht das Projekt vor?

Die Dokumentenanalyse zielt darauf ab, die Rolle der Demokratiebildung in Kitas innerhalb der Qualitätsverfahren zu untersuchen. Die Dokumentenanalyse konzentriert sich darauf, wie häufig Aspekte wie Partizipation, Kinderrechte, Inklusion, Diversität und Diskriminierung in den untersuchten Qualitätsverfahren vorkommen. Es wird eine zusätzliche qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt, die quantitative Techniken wie die Erfassung von Begriffshäufigkeiten ergänzte. Die Untersuchung schafft eine Annäherung an ein deskriptives Abbild zu verschiedenen Dimensionen der Demokratiebildung und gibt Rückschlüsse auf Weiterentwicklungspotenziale. 21 Qualitätsverfahren wurden im Sample der Dokumentenanalyse aufgenommen. Sie unterschieden sich in qualitativ und quantitativem Zugang, ihrer regionalen Verankerung sowie lokaler, bundesweiter und nationaler Anwendung, ihren Evaluationsformen (intern und/oder extern) sowie ihrer Verbreitung als ansatzbezogene, managementbezogene, trägerbezogene Formen. Verschiedene Dokumente und Methoden wurden anhand verschiedener Kriterien für die Dokumentenanalyse verwendet, darunter Beobachtungsbögen, Fragebögen bis hin zu ganzen Handbüchern und Manuals. Es wird betont, dass die Analyse auf einer begründeten Auswahl von Dokumenten basiert und keine direkten Einblicke in die pädagogische Praxis und die Verwendungsweisen in der Arbeit mit verschiedenen Verfahren aufzeigen[1]. Die Analyse liefert dadurch Impulse für den Fachdiskurs und eine Annäherung an die Frage, wie es um Demokratiebildung in verschiedenen Qualitätsverfahren steht.

Was ist das Ergebnis?

Im Folgenden wird ein Einblick in Teilergebnisse zu Diversität, Inklusion und Diskriminierung gegeben. Die vollständigen Ergebnisse sind im Werk „Demokratiebildung in Verfahren der Qualitätsentwicklung in Kitas: Eine Dokumentenanalyse Zur Stellung von Partizipation, Kinderrechten, Diversität, Diskriminierungskritik und Inklusion in der kindheitspädagogischen Qualitätslandschaft” (Trần 2024) nachzulesen.

Trotz großer Unterschiede zwischen verschiedenen Qualitätsverfahren wurden alle Schlagwörter übergreifend gefunden, was darauf hindeutet, dass grundsätzlich bestimmte Zugänge in Qualitätsverfahren verhandelt werden, wobei insbesondere Partizipation stark aufgegriffen wird und Diskriminierung als der meist vernachlässigte Teilaspekt gedeutet werden kann. Diversität wird häufiger thematisiert als Inklusion. Deutlich werden die großen Unterschiede im Profil einzelner Qualitätsverfahren.

Rang nach TreffernInhaltliche KategorieAnzahl der Kodierungen
1Partizipation10388
2Diversität9728
3Kinderrechte7230
4Demokratie4563
5Inklusion4417
6Diskriminierung3927
Gesamt40253
Tabelle 1 Absolute Häufigkeit von Treffern nach verschiedenen Zugängen (Eigene Darstellung)

Diversität in Qualitätsverfahren wird meist unter Begriffen wie „Unterschiede“ und „Vielfalt“ thematisiert. Allerdings ist der Bezug zu sozialer Differenz und Heterogenität geringer. Die Sprachwahl variiert stark, wobei „Vielfalt“ und „Unterschiede“ öfter verwendet werden als „Diversität“. Unterschiedliche Verfahren handhaben Diversität unterschiedlich. Es geht einerseits darum, Unterschiede anerkennend und respektvoll als Teil der pädagogischen Arbeit aufzugreifen. Andererseits wird die inhaltliche Spannbreite von Diversität teils oberflächlich abgehandelt und sehr unterschiedlich bis einseitig-stereotyp zur Sprache gebracht und auch hier gibt es große Disparitäten zwischen einzelnen Qualitätsverfahren. Diversität zeigt sich in verschiedenen Differenzkategorien (abgefragt wurden beispielsweise natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, psychische und physische Einschränkungen, sozialer Herkünfte etc.), wobei das Alter und die ethnische Zugehörigkeit am häufigsten erwähnt werden, während psychische und physische Einschränkungen und sexuelle Orientierung wenig Beachtung finden. Kinder sind die häufigste Zielgruppe, aber auch Familien und ethnische Zugehörigkeit werden oft genannt. Dennoch sind bestimmte Aspekte der Diversität, wie nicht-binäre Geschlechtlichkeit oder verschiedene Religionen unterrepräsentiert. Die Sprache und Herangehensweise zu Diversität in Qualitätsverfahren zeigen eine Affirmation von Vielfalt, während eine machtkritische Perspektive weniger präsent ist. Seltener wird die Beteiligung der Fachkräfte an der Herstellung von Differenz von Kindern und Familien thematisiert, sondern vorwiegend der Umgang mit Heterogenität in den Blick genommen. Es besteht Bedarf an einer umfassenderen Berücksichtigung diverser Lebensrealitäten von Kindern und an einer kritischeren Auseinandersetzung mit Diversität in der pädagogischen Praxis und in Qualitätsverfahren.

Die Analyse zeigt, dass das Verständnis von Inklusion in Qualitätsverfahren uneinheitlich ist, und die Umsetzung variiert stark. „Inklusion“ wird insgesamt 262-mal benannt in der Spannbreite von gar keiner Benennung in acht Qualitätsverfahren bis hin zu 125 Treffern in einem Qualitätsverfahren. Häufig wird Inklusion einseitig betont, ohne Exklusion zu berücksichtigen. Das „Gemeinsame“ in Sinne von Zusammen sein „aller“ wird oft hervorgehoben, während Teilhabe, Zugehörigkeit und Barrierefreiheit selten angesprochen werden. Die Formel „alle Kinder“ bleibt unpräzise, birgt Widersprüche und bleibt vage in Hinblick auf konkrete Maßnahmen, die bestimmte Zielgruppen von Kindern betreffen. Der Begriff „Inklusion“ wird mit Kindergruppen entlang physisch-psychischer Fähigkeit, natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit und ihres Alters erwähnt, was das Spannungsfeld der Spezifik des inklusiven Auftrags für bestimmte Kinder und seiner Generalisierbarkeit von „allen“ Kindern verdeutlicht. Bestimmte Qualitätsverfahren weisen deutlich dazu an, „Inklusion“ als Zielwert pädagogischer Qualität zu adressieren, doch es gibt auch einige Verfahren, die sich kaum (und vor allem nicht explizit) mit Inklusion befassen. Die Thematisierung von Exklusion muss verstärkt werden, um Barrieren abzubauen. Die Konsistenz von Integration und Sonderpädagogik ist bedenklich, da sie einerseits Benachteiligte ansprechen, andererseits aber eine Sonderbehandlung bestimmter Kindergruppen mitermöglichen. Die Herausforderung besteht darin, ein ausgewogenes Verständnis von Inklusion zu entwickeln und einen verstärkten Diskurs über Exklusion zu führen.

Die Analyse zeigt, dass Diskriminierung in Qualitätsverfahren nur am Rande thematisiert wird. Während Herrschaftsverhältnisse häufiger erwähnt werden, bleibt die explizite Auseinandersetzung mit Diskriminierung sehr gering. Es fehlt an konkreten Strategien zur Bewältigung von Diskriminierungssituationen. Die Benennung spezifischer diskriminierender Ideologien (wie beispielsweise Klassismus, Rassismus, etc.) ist selten, ebenso wie die Erwähnung von Interventionsstrategien, welche beispielsweise durch Beschwerden angesprochen werden. Es lässt sich in Bezug auf die Ergebnisse der Analyse von Diversität und Differenzmerkmalen feststellen, dass die Ansprache von beispielsweise „Kinder[n]“ mit 2446 Treffern und seinem Diskriminierungsäquivalent „Adultismus“ mit 3 Treffern eine Thematisierung in der Benennung von spezifischen Personengruppen (hier Kinder) stark gewichtig, doch ihre Ausgrenzungsrisiken kaum bis gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Die Art und Weise, wie Diskriminierung behandelt wird, variiert stark zwischen den Qualitätsverfahren. Einige thematisieren sie ausführlicher, während andere sie kaum berücksichtigen. Die Verwendungsweisen des Diskriminierungsbegriffs in der Kita sind sehr unterschiedlich gelagert. Es kann nicht von einer systematischen Auseinandersetzung gesprochen werden, sondern mehr von einer punktuellen Ansprache ausgewählter Qualitätsverfahren. Dabei unterscheiden sich die Benennungen stark nach den jeweiligen Qualitätsverfahren. Viele Verfahren haben Diskriminierung kaum bis gar nicht in ihrem Fokus auf pädagogische Qualität. In der qualitativen Analyse zeigt sich, dass Diskriminierung mit Sensibilisierung für Vorurteile und Übergriffigkeiten in Verbindung steht. Offen bleibt, wer von wem wie diskriminiert wird und wie pädagogisch damit umgegangen werden kann. Teils wird die Idee eines diskriminierungsfreien Raums mitgetragen, die die Adressierung von Diskriminierungen im pädagogischen Alltag ausblenden. Andere Verfahren widmen sich gezielter Diskriminierungsrisiken in der Kita.

Die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen wird betont, indem die Anwendungsweisen von Qualitätsverfahren in der Praxis sowie die Perspektiven der Kinder stärker einzubeziehen sind. Zudem wird die Erwachsenenzentrierung im Diskurs über Qualität und Demokratiebildung kritisch hinterfragt und auf die Machtverhältnisse sowie Diskriminierungsrisiken als Demokratiedefizite in Kindertageseinrichtungen hingewiesen. Die wertebasierte Ausrichtung sind durch Partizipation und Demokratiebildung grundsätzlich vorhanden und in Qualitätsverfahren zu präzisieren. Kinderrechte müssen stärker expliziter Bestandteil von pädagogischer Qualität sein und Diversität tiefgründiger und kritischer verhandelt werden als bisherige Qualitätsverfahren dies tun. Das Fazit der vorliegenden Dokumentenanalyse verdeutlicht die vielfältigen Impulse für einen kritischen Qualitätsdiskurs in kindheitspädagogischen Handlungsfeldern mit dem Fokus auf Demokratiebildung. Weiterhin kann über die konsequentere Ausrichtung im Qualitätsdiskurs in Richtung Demokratiebildung verwiesen werden. Eine Unterscheidung je nach Kontext und Verwendungsweise verschiedener Qualitätsverfahren wird ebenfalls deutlich, da es große Unterschiede zwischen einzelnen Qualitätsverfahren zu verschiedenen Teilaspekten sich abgezeichnet haben.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Demokratieförderliche Prinzipien müssen stärker programmatisch und inhaltlich konturiert werden, um die Verbindung zwischen bildungspolitischen Strategien und pädagogischer Alltagspraxis zu befördern. Es bedarf einerseits formaler Strukturen, damit Demokratiebildung als Handlungspraxis ermöglicht wird und andererseits eine flexible Umsetzung und Ausrichtung an der pädagogischen Praxis und seiner verschiedenen Akteur*innengruppen – allen voran den Kindern. Diese konsequente Strategie kann als organisationale Aufgabe begriffen werden, da verschiedenen Ebenen und Subsysteme in pädagogischen Einrichtungen für eine demokratiebildenden Qualitätsdiskurs und Praxis beitragen. Die pluralen Lebenswirklichkeiten von Kindern in ihren heterogenen Ausprägungen brauchen mehr, systematische und explizitere Berücksichtigung in Qualitätsverfahren, die entsprechend zu überarbeiten sind. Es besteht die Notwendigkeit einer diversitätsbewussten Auseinandersetzung und Ansprache und Adressierung von Kindern und Familien, um den heterogenen Lebenswelten gerecht zu werden und Ungleichheiten sowie Ausschlüssen entgegenzuwirken. Diskriminierungen und deren Umgang stellen eine größere Leerstelle in Qualitätsverfahren dar. Grundlegend besteht Bedarf, Diskriminierung stärker und expliziter in den Blick zu nehmen und konkrete Handlungsorientierungen zu entwickeln, um Teilhabebarrieren und Demokratiedefiziten entgegenzuwirken. Schlussfolgernd wird deutlich, dass Inklusion viel mit der Thematisierung „aller Kinder“, dem Zusammensein sowie gemeinsamen Aktivitäten implizit angesprochen wird. Gleichzeitig wird Inklusion wenig thematisiert, wenn es um umfassende Teilhabe, Zugehörigkeit und Barrieren in pädagogischen Einrichtungen geht. Die Formel „alle“ Kinder im Sinne eines allumfassenden Einschlusses kann als unpräzise gelten, da sich darunter verschiedene Ziele, Werte und Handlungsmaßnahmen verbergen, die teils bestimmte Zielgruppen von Kindern implizit ansprechen und dennoch größeren Interpretationsspielraum aufweisen. Hier braucht es Klärung wer mit Inklusion wie gemeint und wie behandelt werden soll, um grundsätzlich die Bildungseinrichtung inklusiv zu gestalten. 

In der Betrachtung der Ergebnisse wird deutlich, dass der Umgang mit Diversität, Inklusion und Diskriminierung vor allem als Aufgabe pädagogischer Fachkräfte ausgewiesen wird. Dies erfordert einen Ausbau von demokratischen Strukturen innerhalb der Organisation, bei dem nicht nur pädagogische Fachkräfte, sondern die gesamte Organisation in die Verantwortung gezogen wird. Die vorgeschlagenen praxisnahen Rückschlüsse zielen darauf ab, die Qualitätssicherung und -weiterentwicklung in Kindertageseinrichtungen zu verbessern und Demokratiebildung als Struktur pädagogischer Einrichtungen sowie Recht von Kindern stärker zu verankern. Dabei ist eine systematische Auseinandersetzung mit Demokratiebildung und verschiedenen Zugängen wie Partizipation, Kinderrechten, Diversität, Diskriminierung und Inklusion unerlässlich. Es bedarf einer Verschiebung in der Qualitätsdebatte weg vom Effizienz-Paradigma hin zur Qualitätsentwicklung als Demokratisierungsstrategie in Inhalt und Form. So kann Demokratiebildung als Recht von Kindern in der pädagogischen Praxis umfassend realisiert werden und im Alltag als Erfahrungsform durch Qualitätsverfahren sowie in der pädagogischen Alltagspraxis gelebt werden.

Literaturverzeichnis

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Degener, Theresia (2010): Die UN-Behindertenrechtskonvention. In: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (Hrsg): Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen, 2, 2010, S. 57-63. Verfügbar unter: https://zeitschriftvereinte-nationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_2010/Heft_2_ 2010/03_Degener_beitrag_2-10_30-3-2010.pdf [Zugriff: 12.03.2023].

Oelkers, Jürgen (2011) (Hrsg.): John Dewey. Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. 5. Auflage, Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Eberlein, Noemi/Durand, Judith/Birnbacher, Leonhard (2021): Bildung und Demokratie mit den Jüngsten. Bezugstheorien, Diskurse und Konzepte zur Demokratiebildung in der Kindertagesbetreuung. Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Hansen, Rüdiger; Knauer, Raingard; Sturzenhecker, Benedikt (2011): Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Weimar: Verlag das Netz.

Hormel, Ulrike (2017): Pädagogische Beobachtungsweisen. Heterogenität, Diversity, Intersektionalität. In: Stenger, Ursula/Edelmann, Doris/Nolte, David/Schulz, Marc (Hrsg.): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 19- 35.

Moss, Peter (2016): Why can’t we get beyond quality? In: Contemporary Issues in Early Childhood, 17, 1, S. 8-15.

Moss, Peter; Urban, Mathias (2010): Democracy and Experimentation: Two Fundamental Values for Education. Ein Beitrag zum Projekt: Wirksame Bildungsinvestitionen der Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). Verfügbar unter: https://www.bertelsmann-stiftung. de/de/publikationen/publikation/did/democracy-and-experimentation-two-funda mental-values-for-education [Zugriff: 12.03.2023].

Pence, Alan; Moss, Peter (1994): Towards an Inclusionary Approach in Defining Quality. In Moss, Peter; Pence, Alan (Hrsg.): Valuing Quality in Early Childhood Services. London: Paul Chapman, S. 172-180.

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Stenger, Ursula; Edelmann, Doris; Nolte, David; Schulz, Marc (Hrsg.) (2017): Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Schwerdt, Ulrich; Sieveke, Pia; Wüllner, Sabrina (2023): Janusz Korczak im Kontext der historischen Reformpädagogik. Lehrer_innenband. Baltmannsweiler: Schneider Verlag.

Trần, Hoa Mai (2024): Demokratiebildung in Verfahren der Qualitätsentwicklung in Kitas: Eine Dokumentenanalyse. Zur Stellung von Partizipation, Kinderrechten, Diversität, Diskriminierungskritik und Inklusion in der kindheitspädagogischen Qualitätslandschaft. Fachstelle Kinderwelten/ISTA (Hrsg.). Unter Mitarbeit von Ayten, Nuran; Surmund, Judith; Mildt, Manuela. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich.

UN-Kinderrechtskonvention (1989): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. 20. November 1989. Am 5. April 1992 für Deutschland in Kraft getreten (Bekanntmachung vom 10. Juli 1992 – BGBl. II S. 990). Verfügbar unter: https://www.kinderrechte.de/kinderrechte/un-kinderrechtskonvention-im-wortlaut [22.04.2024].

Wagner, Petra (2022) (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. 5. Auflage. Freiburg: Herder.

Wolter, Berit (2021): Demokratiebildung im Bereich Kita in den Bildungsprogrammen der Bundesländer. Rechercheergebnisse. Unter Mitarbeit von Hannah Louisa Schmidt. Fachstelle Kinderwelten/ISTA (Hrsg.). Verfügbar unter: https://situationsansatz.de/wp-content/uploads/2021/11/Recherche_Demokratiebildung_Bundeslaender_Zusammenfassung.pdf [Zugriff: 12.03.2023].


[1] Es werden Grenzen und Limitationen des Vorgehens in der Auswahl der Dokumente deutlich sowie technische Probleme bei der Datenverarbeitung und die begrenzte Kontextsensibilität der automatisierten Schlagwort-suche betont.

Behinderung im Bilderbuch – eine Frage der Repräsentation

| Teresa Vielstädte |

Bilderbücher besitzen eine besondere Bedeutung für die kindlichen Bildungs-, Sozialisations- und Kulturalisierungsprozesse (vgl. Burghardt & Klenk 2016; Thiele 2012). Sie bieten Kindern die Möglichkeit mit gesellschaftlichen Lebensweisen, Normen und Werten in Kontakt zu kommen. Dadurch gewinnen sie erste Vorstellungen und Bilder über das Zusammenleben in der Gesellschaft, womit Bilderbücher die Prozesse der Identitätsfindung unterstützen. Dabei bilden Bücher immer auch gesellschaftliche Realitäten ab, sodass ihn ein besonderer Stellenwert in der Auseinandersetzung mit Lebensweisen und gesellschaftlichen Wert- und Normorientierungen zukommt. Trotz des Anspruchs der Repräsentation von vielfältigen Lebenswelten in Bilderbüchern wurde das Thema ‚Behinderung‘ lange Zeit ausgegrenzt (vgl. Reese 2010). In aktuellen Diskussionen findet sich die Forderung nach einer stärkeren Verknüpfung von Disability Studies und Kinderliteraturwissenschaft, um gesellschaftliche Vorstellungen über Behinderung, Abweichung und Normalität aufzudecken (vgl. Schäfer, Ullmann & Blümer 2012, 61)

Was will das Projekt? Was ist das Phänomen?

Das Thema ‚Behinderung‘ galt lange Zeit als Tabuthema in der Kinderliteratur. Erst seit den 2000er Jahren findet sich ein breiteres Darstellungsspektrum von Behinderung im Kinderbuch. In Kinderbüchern wird das Thema Behinderung aufgegriffen, in dem die verschiedenen Wahrnehmungen und Sichtweisen der als behindert und nicht-behindert geltenden Protagonist*innen dargestellt werden. Dadurch entfalten sich Konstruktionen von Behinderung sowie damit verbundene Vorstellungen von Verhaltens-, Kommunikationsmustern und Praktiken: Wie verhalten sich Menschen mit und ohne Behinderung (in Interaktion)? Wie kommunizieren diese miteinander? Welche Praktiken gelten im Umgang mit Behinderung als gesellschaftlich anerkannt und welche erscheinen als unvereinbar?

Unter Konstruktion von Behinderung kann die gesellschaftliche Bewertung einer Schädigung oder Behinderung verstanden werden. Die Normen, die der Zuschreibung von Behinderung zugrunde liegen, sind nach diesem Verständnis gesellschaftlich oder kulturell bestimmt. Da Normen, Urteile und Kategorien das Ergebnis kommunikativer und sozialer Praktiken sind, wird Behinderung als gesellschaftlich hervorgebracht angesehen (vgl. Kast 2017, 260f.).

Durch Versprachlichung und Bebilderung wird Behinderung erst hervorgebracht, womit diese entweder zur Festschreibung beitragen können oder sich dadurch auch die mit dieser Differenz verknüpften Diskriminierung und Stigmatisierung aufdecken lassen. Diese Überlegungen aufgreifend möchte ich im Rahmen des Blogbeitrags exemplarisch zeigen, wie Behinderung im Kinderbuch konstruiert wird. Welche Vorstellungen, möglicherweise auch Stereotype und Klischees werden wie inszeniert?

Wie bin ich vorgegangen?

Exemplarisch habe ich das Sachbilderbuch „Alle behindert“ ausgewählt, da es zu Beginn der Recherche für den Artikel (vgl. Vielstädte 2022) neu erschienen ist, woraufhin es in verschiedenen Blogformaten durchaus kontrovers diskutiert und rezensiert wurde (vgl. bspw. Kollodzieyski 2020.). Wenn dem Verständnis von Behinderung als Konstruktion gefolgt wird, erfordert eine Bilderbuchanalyse den Fokus auf die Darstellungsweise von Behinderung: Wie wird Behinderung kommunikativ und interaktiv in der Geschichte zum Thema gemacht? Wie wird Behinderung medial dargestellt? Die Fragestellung, wie Behinderung im Kinderbuch dargestellt, verhandelt und konstruiert wird ist sicherlich nicht ganz unproblematisch. Hierdurch wird an der Rekonstruktion der Kategorien Behinderung und Nichtbehinderung mitgewirkt.

Ich habe mich bei der Analyse an einem explorativen Vorgehen orientiert, welches sich grob an den Analysekategorien des fünfdimensionalen Modells der Bilderbuchanalyse nach Dammers/Krichel/Staiger (2022) orientiert. Dabei habe ich die unterschiedlichen im Buch präsentierten Portraits und damit verbundenen ‚Behinderungsbilder‘ vergleichend und kontrastierend in den Blick genommen.

Was ist das Ergebnis?

  Alle behindert wurde von Heinz Klein und Monika Ostberghaus geschrieben und ist als Sachbilderbuch[1] zu klassifizieren, da es auf 25 Doppelseiten „25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild“ erläutert (Klein & Ostberghaus 2019). Das Buch richtet sich an Kinder ab 5 Jahren. Im Mittelpunkt des Sachbilderbuchs steht eine alltags- und lebensweltliche Strukturierung[2] der Inhalte. Das Buch erinnert in seiner Aufmachung an ein ‚Freundebuch‘. Auch hier zeigt sich nun wieder der alltags- und lebensweltliche Anknüpfungspunkt zur Bearbeitung des Buchthemas Behinderung. Gemäß der sprachlichen Gestaltung eines ‚Freundebuches‘ werden einzelne Begriffe oder stichpunktartige kurze Sätze verwendet. Auf jeder Seite wird mittig eine andere Figur mithilfe einer großen Zeichnung vorgestellt, ringsum finden sich stichpunktartig Informationen zu den jeweiligen Figuren entlang immer gleicher Kategorien (ebd.): „Mag gerne“, „Mag weniger“, „Lieblingssatz“, „Behinderung“, „Spitz- oder Schimpfname“, „Wie oft kommt das vor“, „Geht das wieder weg“ (…).“

  Die Angaben werden teilweise durch kleine Comic-Zeichnungen ergänzt, die alltägliche Situationen der Figuren karikaturartig darstellen. Diese Kategorien sind bereits teilweise auf Behinderungen zugeschnitten. Jede Seite vermittelt das Bild einer fiktionalen Persönlichkeit, die Behinderungserfahrungen gemacht hat. Das Buch bleibt konsequent im Aufbau eines kollektiven „Wir“, indem es am Ende zu eigenen Eintragungen auffordert und klassische Definitionen von Behinderung in Frage stellt. Es fehlt ein zusammenhängender Handlungsstrang, da die Persönlichkeiten individuell präsentiert werden und nicht miteinander interagieren. Die farbenfrohen Illustrationen im Buch sind detailliert und ikonisch. Sie müssen oft zusammen mit dem Text betrachtet werden, um vollständig verstanden zu werden und unterstützen sich gegenseitig in der Charakterdarstellung.

  Die Definition von Behinderung in diesem Buch folgt nicht streng den bekannten Klassifikations- und Definitionsversuchen, wie z.B. in der Behindertenrechtskonvention oder nach ICD-10. Die zugeschriebenen Charaktereigenschaften der Figuren sind veränderbar (z.B. Julien „der Angeber“ oder Paul „der Mitläufer“), im Gegensatz zu langfristigen und gleichbleibenden Beeinträchtigungen, wie es die Behindertenrechtskonvention definiert. Anhand der Analyse zeigt sich, dass nach der im Buch verwendeten Definition von Behinderung keine lebenslange und strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderung explizit mitgedacht bzw. sichtbar gemacht werden.

  Auf den ersten Blick weckt das Buch den Eindruck, als würde es dem Defintionsversuch folgen, dass es nicht per se die Behinderung geben, denn hier werden nicht nur die ‚geläufigen‘ und ‚bekannten‘ Behinderungsbilder wie Trisomie 21, Autismus, Beeinträchtigung des Lernens, Sprechens, Sehens oder Hörens etc. aufgeführt, sondern zur Behinderung werden hier auch „Tussi“, „Mitläufer“, „Außenseiter“, „Dicksein“, „Bildschirmsucht“, „Rüpel“ etc. erklärt. Offenbar orientiert sich die Verwendung des Behinderungsbegriffs hier an Vorstellungen von etwas Negativem, was unerwünscht ist und einer Abweichung von Normalität entspricht (vgl. Dederich 2009, S. 15). Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, wie die Auswahl der Prototypen erfolgt ist. Es fällt auf, dass z.B. gewisse soziale Merkmale wie Armut oder bestimmte Lebenserfahrungen wie Gewalt oder Rassismus nicht als Beeinträchtigung eingestuft werden.

  Durch die fiktiven Vorstellungen einzelner Persönlichkeiten arbeitet das Buch vielmehr die individuellen Ausprägungen der Charaktere heraus. Die dargestellten Informationen repräsentieren rekurrentes Alltagswissen, in denen die subjektiven Kategorisierungslogiken und Normalisierungsvorstellungen auftreten. Auch wenn das Buch durch die Darstellung von Persönlichkeiten wie „dem Rüpel“, „dem Angeber“ und ähnliche versucht, an der Dekategorisierung der Behinderungsdefinition mitzuwirken, verstärkt es in der Darstellung gleichzeitig stereotype Vorstellungen und reproduziert Zuschreibungen. Gesellschaftliche Herausforderungen und Diskriminierungsformen, denen Menschen mit Behinderung ausgesetzt sind bleiben in dem Buch unerwähnt.

   Das Bilderbuch provoziert jedoch durch seine ironische Darstellungsart, dass mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden: Wie kann beispielsweise im Bilderbuch Trisomie 21 dargestellt werden, ohne auf stereotype Bebilderungen zurückzugreifen? Warum erleben wir in der Betrachtung eines Buches mit dem Titel Alle behindert das Nebeneinanderstellen von einer „Tussi“ und einem Menschen mit Autismus als ‚No-Go‘? Warum erscheint das In-Verbindung-Setzen von einem „Angeber“ oder einem „Mitläufer“ mit einem Menschen mit Trisomie 21 in der Präsentation von ‚Behinderungserfahrungen‘ als Tabuzone? Warum kommt „Rüpel als Behinderung“ „immer öfter“ (Klein & Ostberghaus 2019, S. 18) vor? Was hat es mit dem Gen bei Trisomie 21 im Detail auf sich?

  In jedem Fall gelingt es dem Buch aufzuzeigen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache und Begriffsverwendung im Diskurs, um Behinderung zu finden. Dabei ist die Rede über Behinderung noch längst nicht barrierefrei (vgl. auch Oetken 2012). Für ein reflexives Inklusionsverständnis (Budde & Hummrich 2014) braucht es allerdings eine Differenzkategorie Behinderung, in der dem Phänomen eingeschriebene Benachteiligungen, Ausgrenzungsmechanismen, gesellschaftliches Wissen und daraus resultierende Effekte und Produkte auch in der Kinderliteratur und in dessen Rezeption erkennbar werden. Dabei stehen analytische Methoden vor der Herausforderung, statt zu einer Dekonstruktion von Differenzen vielmehr zu deren Rekonstruktion beizutragen.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Insgesamt bleibt das Buch hinter seinen Möglichkeiten zurück, was die kindliche Identitätsfindung sowie das Kennenlernen diverser Lebensweisen und Normorientierungen betrifft. Stattdessen beschränkt es sich in seiner Narration einseitig auf Behinderung als ‚individuellem Defekt‘ oder Normabweichung, wenngleich es sein Verdienst ist, einem breiten Lesepublikum einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema durch seine ironisch-witzige Darstellungsweise zu verschaffen. Dabei erhalten Kinder und Erwachsene Einblicke in verbreitetes Alltagswissen und damit zusammenhängende gesellschaftliche Praktiken und Effekte. Dennoch bedarf es beim Einsatz des Buches in privaten Kontexten und pädagogischen Institutionen eines reflektierten Umgangs, der in einen Kommunikations- und Aneignungsprozess zwischen Erwachsenen und Kindern eingebettet ist. Dabei bieten das Buch allerdings einen lohnenden Anlass, um mit Kindern über die verwendeten stereotypen Darstellungen ins Gespräch zu kommen. Die abschließende Frage, ob die angeführten Kategorien mit ihren Eigenschaftsbeschreibungen zum Stigma für Menschen mit Behinderung werden oder nicht, können an erster Stelle nur Betroffene selbst, dann aber auch Rezipierende entscheiden. Dies im Blick zu behalten, gilt sicherlich als eine zentrale Herausforderung, die das Buch an seine Leser*innenschaft stellt.

Literaturverweise

Budde, J. & Hummrich, M. (2014): Reflexive Inklusion. Zeitschrift für Inklusion, 4. Online verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/193, Zugriff am 18.02.2020.

Burghardt, L. & Klenk, F. C. (2016): Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern. Eine empirische Analyse. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 8 (3), 61–80.

Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD) (2020): Definition von Behinderung. Online verfügbar unter: https://www.behindertenrechtskonvention.info/definition-von-behinderung-3121/, Zugriff am 18.02.2020.

Dammers, B., Krichel, A. & Staiger, M. (2022): Das Bilderbuch. Theoretische Grundlagen und analytische Zugänge. Wiesbaden: Springer

Dederich, M. (2009): Behinderung als sozial- und kulturwissenschaftliche Kategorie. In: M. Dederich & W. Jantzen (Hrsg.), Behinderung und Anerkennung (S. 15–39). Stuttgart: Kohlhammer.

Kastl, J.-M. (2017): Einführung in die Soziologie der Behinderung (2. Auflage). Wiesbaden: Springer.

Klein, H. & Ostberghaus, M. (2019): Alle behindert! 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild. Leipzig: Klett Kinderbuch Verlag.

Kollodzieyski, T. (2020): Kinderbuch „Alle behindert!“ Inklusion braucht Unterschiede. Online verfügbar unter: https://dieneuenorm.de/kultur/kinderbuch-alle-behindert/, Zugriff am 28.05.2021.

Oetken, M. (2012): b-b-b-barrierefrei? Inszenierungen von Behinderung im Bilderbuch. Kjl&m – Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek, 66 (3), 34–45.

Reese, I. (2010): Strickmuster und Stereotypen. Die Darstellung von Behinderung im Kinder- und Jugendbuch. JuLit, 1, 3–10.

Schäfer, I., Ullmann, A. & Blümann, A. (2012): Aktuelle Tendenzen zu Krankheit und Behinderung in Kinder- und Jugendliteratur und -medien. Kjl&m – Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek, 66 (3), 58–63.

Thiele, J. (2012): Das Bilderbuch. In: G. Lange (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Grundlagen, Gattungen, Medien, Lesesozialisation und Didaktik (S. 217–233). Baltmannsweiler: Schneider.

Wocken, H. (2015): Dekategorisierung. Eine Einladung zur kategorialen Bescheidenheit. Sozialpsychologische Grundlagen und inklusionspädagogische Konsequenzen. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 84 (2), 100–112.

Vielstädte, T. (2022): „Alle behindert!“ Zur Konstruktion von Behinderung im Kinderbuch. In: E. Schulze (Hrsg.), Diversität im Kinderbuch: Wie Vielfalt (nicht) vermittelt wird. (S. 88-102) Stuttgart: Kohlhammer.


[1]  Das Sachbilderbuch gehört in die Sparte des Bilderbuches und zeichnet sich besonders durch seine themenspezifische Veranschaulichung in Bild und Text und weniger durch einen fiktionalen Erzählstrang aus (Thiele 2012, S. 222). Das Sachbilderbuch ist als Rubrik Bilderbuch in das Kinderbuchgenre einzuordnen.

[2]  Eine weitere Option wäre an dieser Stelle entsprechend eines Sachbilderbuches der fachkundliche Ausgangspunkt.

Projekt: Integrationsbegleiterinnen in Kitas

| Franziska Eisenhuth und Maria Günther-Decuns |

Integrationsbegleiterinnen unterstützen Kitas in Zeiten des Fachkräftemangels und fördern Integration. Sie kümmern sich gezielt um eingewanderte Kinder und Familien und geben ihnen die benötigte Hilfe. So können sich Erzieher*innen besser auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren.

Innerhalb von sieben Monaten werden die Integrationsbegleiterinnen in einer Schulung auf die Arbeit in Kitas vorbereitet. Unser Projektteam berät Kommunen in NRW dazu, wie sie die Schulung am besten umsetzen und anbieten können. Gefördert wird das Projekt durch das Familienministerium NRW und die Auridis Stiftung.

Was war unsere Idee? Was war der Ausgangspunkt?

Die AWO OWL mit Sitz in Bielefeld hat über 100 Kindertageseinrichtungen in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL). Mit all ihren unterschiedlichen Diensten gehört sie zu den größten Arbeitgebern der Region im Sozialwesen. Ab 2015 kamen viele geflüchtete Kinder in den Einrichtungen an. Die Kitas der AWO OWL berichteten, dass sie dadurch einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Wenn ein Kind erst seit Kurzem in Deutschland lebt und hier zum ersten Mal eine Kita besucht, begegnet es Herausforderungen. Die Familien kennen die deutschen Systeme noch nicht. Es gibt viele Bedingungen und Regeln im Zusammenhang mit einem Kitabesuch. Hinzu kommen häufig Sprachbarrieren. Dies erschwert den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den Fachkräften, die die Grundlage für eine pädagogische Arbeit ist.

Die AWO OWL ist bekannt dafür, neue Kitakonzepte zu entwickeln, und stellte sich der Herausforderung. Die Leitfrage lautete: Wie kann das Ankommen von eingewanderten Kindern und Familien in den Kitas besser unterstützt und wie gleichzeitig das Kita-Personal entlastet werden? Schnell wurde klar, Menschen mit Integrationserfahrung haben selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, sich in der deutschen Kultur und Gesellschaft einzufinden. Das Projekt der „Integrationsbegleiterinnen in Kitas“ wurde aufgrund dieser Entwicklungen gegründet.  Mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem kulturellen Wissen stehen Integrationsbegleiterinnen sowohl Familien als auch Fachkräften zur Seite. Sie übersetzen z.B. bei einem Elterngespräch oder erklären anderen Familien, warum bestimmte Bedingungen, wie z.B. eine Masernimpfung, erfüllt sein müssen.

Abbildung 1: „Integrationsbegleiterinnen in Kitas“ (eigene Darstellung)

Wie wurde die Idee umgesetzt?

Als erster Schritt erstellte die AWO OWL ein Konzept, wie eingewanderte Frauen im Rahmen einer Schulung auf die Arbeit in Kitas vorbereitet werden können. Frauen übernehmen nach wie vor die Care-Arbeit der eigenen Kinder. Dadurch haben sie weniger Chancen, sich beruflich zu betätigen. Das Aufgabenfeld einer Integrationsbegleiterin umfasst je nach Eignung und Interesse:

  • Begleitung von Kindern im pädagogischen Alltag
  • Kommunikationshilfe zwischen Fachkräften und geflüchteten und migrierten Kindern bzw. Eltern mit Unterstützungsbedarf
  • Interkulturelle Vermittlung
  • Durchführung niedrigschwelliger Angebote, z. B. Basteln, Backen, Turnen oder Vorlesen in der eigenen Muttersprache
  • Unterstützung bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten

Die Schulung geht über sieben Monate. Die ersten zwei Monate beschäftigen sich mit den theoretischen Grundlagen der Kita-Arbeit. Danach schließen sich zu der Theorie wöchentliche Hospitationen in einer Kita für zwei Monate an. In den letzten drei Monaten absolvieren die Teilnehmerinnen ein Praktikum in einer Kita. Pro Schulungsrunde nehmen 14 – 25 Frauen teil.

Um die Schulung so niedrigschwellig wie möglich zu halten, gibt es nur wenige Anforderungen:

  1. Integrationserfahrung durch Migration oder Flucht
  2. Mündliche Deutschkenntnisse, die eine Verständigung im Alltag ermöglichen. Es wird kein spezielles Deutschzertifikat gefordert.
  3. Interesse und Eignung für die Arbeit mit Kindern

Die erste Erprobung einer Schulungsrunde fand 2017 in den Kitas der AWO OWL statt. Im Jahr darauf wurde die Schulung für alle Träger in der Region geöffnet. 2019 erteilten das Familienministerium NRW und die Auridis Stiftung den Auftrag, die Schulung in NRW zu verbreiten. Seitdem berät und begleitet das Projektteam der AWO OWL Kommunen, um die Schulung vor Ort zu implementieren und durchzuführen. Zu den relevanten Akteur*innen gehören Kitaträger, Bildungsträger sowie Jobcenter und Agenturen für Arbeit. Letztere finanzieren den Teilnehmerinnen die Schulung durch einen Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein. Idealerweise kommt es zu einer Anstellung nach der Schulung. Die Arbeitszeit einer Integrationsbegleiterin wird mit dem Träger je nach Bedarf individuell vereinbart. In den meisten Fällen arbeitet sie 20 Stunden in der Woche. Aber auch Vollzeit ist möglich, oder dass eine Integrationsbegleiterin zwischen zwei oder drei Kitas pendelt.

Die Aufgaben richten sich auch wie in der Schulung nach der Eignung der Integrationsbegleiterin und dem Bedarf der Kita. Grundsätzlich gilt, dass eine Integrationsbegleiterin im allgemeinen Kitabetrieb die gesamte Gruppe unterstützt. Dazu gehört u. a. den Kindern zu helfen beim Umziehen, beim Spielen begleiten oder eigene Spiel- bzw. Kreativangebote machen. Eine Integrationsbegleiterin hat keine Aufsichtspflicht und arbeitet immer unter Anleitung einer Fachkraft. Individuelle Aufgaben ergeben sich aus den Bedürfnissen einzelner Kinder oder Eltern. Wenn ein Kind noch kein Deutsch kann, kann die Integrationsbegleiterin in der Erstsprache die Eingewöhnung in der Kita begleiten. Bei Elterngesprächen mit Kita-Fachkräften hilft die Integrationsbegleiterin durch Sprachmittlung. Themen umfassen die kindliche Entwicklung sowie alltägliche Dinge wie das Erklären einer „Matschhose“. Darüber hinaus kann die Integrationsbegleiterin Formulare für Transferleistungen übersetzen.

Im Gruppenkontext leistet die Integrationsbegleiterin spielerisch Kulturvermittlung. Sie liest oder singt z. B. in ihrer Herkunftssprache vor. Auch wenn nicht alle Kinder die einzelnen Wörter verstehen, spüren sie die Einzigartigkeit einer Sprache durch Klang, Rhythmus und Intonation. Des Weiteren können alle gemeinsame landestypische Gerichte zubereiten und erfahren so etwas über die Bräuche einer anderen Kultur. Unabhängig davon, ob eine Integrationsbegleiterin dieselbe Herkunft hat oder dieselbe Sprache spricht wie die eingewanderten Kinder und Familien, kann sie eine Identifikationsfigur für alle mit Migrationshintergrund darstellen. Es gibt den Familien ein Gefühl von Sicherheit und des Willkommenseins, wenn Teammitglieder der Kita ähnliche Erfahrungen wie sie im Rahmen ihres Ankommens in Deutschland erlebt haben.

Was war das Ergebnis? Wie war die Resonanz?

Eine externe Evaluation durch Interval bestätigt, dass Integrationsbegleiterinnen eine Bereicherung sowohl für zugewanderte Kinder und ihre Familien als auch Fachkräfte in den Einrichtungen sind. Die befragten Integrationsbegleiterinnen beobachteten positive Veränderungen bei den Kindern, die sie auf ihre Arbeit zurückführten: Die Kinder wurden als sicherer, offener und vertrauensvoller als zu Beginn ihres Einsatzes in den Kitas beschrieben. Die Nutzung der eigenen Erstsprache durch die Integrationsbegleiterin erleben die Kinder aus Sicht befragter Eltern, Einrichtungsleitungen und Integrationsbegleiterinnen als positiv und vertrauensbildend. Eine Integrationsbegleiterin berichtet z. B.: „Ja, wenn ich mit einem Kind auf meine Sprache gesprochen habe. Das Kind wird offener, hat Vertrauen, hat Spaß beim Spielen, Essen, Singen, Tanzen und Schlafen.“ Eine andere schreibt: „Ich bemerkte die Freude und das Vertrauen der Kinder, eine Situation in ihrer Muttersprache zu erklären.“

Vonseiten der Fachkräfte kommen immer wieder persönliche Rückmeldungen aus den Kitas, dass Integrationsbegleiterinnen insbesondere im Bereich der Sprachmittlung eine große Hilfe sind. Eingewanderte Kinder und Familien fühlen sich wohler und können besser in die Angebote der Kita einbezogen werden.

Knapp 66 Prozent der Teilnehmerinnen finden direkt eine Anstellung nach der Schulung. Womit niemand gerechnet hat: 10 Prozent der Teilnehmerinnen der Schulungsrunden in OWL gehen nach der Schulung in die Ausbildung als Erzieherin oder Kinderpflegerin. Weitere 12 Prozent planen eine Ausbildung. Sie müssen evtl. noch Abschlüsse nachholen bzw. anerkennen lassen oder warten, bis ihre eigenen Kinder größer sind. Dadurch unterstützt diese Schulung nicht nur im Kita-Alltag, sondern sie leistet auch einen Beitrag für die langfristige Gewinnung von weiteren Fachkräften. Seit 2023 sind die Integrationsbegleiterinnen Teil des Sofortprogramm Kita der Landesregierung NRW, um dem Fachkräftemangel in Kitas besser zu begegnen. Ein Monitoring soll ab 2024 den mittel- und langfristigen beruflichen Verbleib von den Integrationsbegleiterinnen erfassen.

Was kann das für Forschung und Praxis bedeuten?

Kinder sind mit Blick auf ganz unterschiedliche Differenzlinien vielfältig und Kindertageseinrichtungen müssen dieser Vielfalt Rechnung tragen. Dabei lässt sich Diversität nur begrenzt in einem Workshop lernen. Wenn Menschen mit diversen Lebensläufen Eingang in die Kitateams finden, wird Diversität gelebt. Dafür braucht es eine Offenheit aller Fachkräfte. Natürlich sind Zahlen und Statistiken maßgeblich, um den Erfolg eines Projektes zu messen. Nichtsdestotrotz lässt sich nicht alles quantifizieren. Von Migrant*innen wird in Deutschland erwartet, dass sie sich so schnell wie möglich integrieren. Häufig wird damit aber eine Anpassung an das deutsche System gemeint. Der eigene Erfahrungsschatz aus dem Herkunftsland spielt meist keine Rolle mehr. Das Besondere am Projekt „Integrationsbegleiterinnen in Kitas“ ist, dass die Teilnehmerinnen aus ihrer eigenen Integrationserfahrung schöpfen können. Sie können daher auf besondere Weise vermitteln und erhalten dafür Wertschätzung. Diese Erfahrung und Kompetenzen fehlen häufig nicht migrierten Fachkräften trotz bester Absichten. Auch einheimische Kinder müssen lernen, sich auf Vielfalt einzustellen. Daher profitieren durch die Kulturvermittlung der Integrationsbegleiterin alle Kinder – mit oder ohne Migrationshintergrund.

Projektwebsite: AWO OWL | Integrationsbegleiterinnen in KiTas (integrationsbegleiterinnen-in-kitas.de)

Inklusive Praxis in der Kita – Vorstellung von Lehr- und Lernmaterialien für die Kindheitspädagogik

| Anja Stolakis, Jörn Borke, Annette Schmitt, Sven Hohmann, Eric Simon, Matthias Morfeld, Elena Sterdt |

Inklusive Bildung und die daraus entstehenden Aufgaben stellen komplexe Anforderungen an Fachkräfte im frühpädagogischen Feld. Der Diskurs zum Thema Inklusion wurde in der Frühpädagogik vor allem durch die Resolution der Deutschen UNESCO Kommission (DUK, 2009) „Frühkindliche Bildung inklusiv gestalten“ sowie durch die im gleichen Jahr ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention vorangetrieben (Prengel, 2014). Für die frühpädagogische Praxis resultiert daraus die Anforderung, gleichberechtigte und barrierefreie Lernprozesse zu fördern. Dies setzt eine hohe pädagogische Qualität in den Kitas voraus (Schelle & Friederich, 2015). Eine angemessene Qualifizierung frühpädagogischer Fachkräfte durch Aus-, Fort- und Weiterbildung ist dafür maßgeblich.

Darüber hinaus kommen Expertisen zu dem Schluss, dass Inklusion als integraler Bestandteil in Studienangeboten zur Pädagogik der frühen Kindheit verankert sein sollte (Albers, 2011; Heimlich, 2013; Viernickel et al., 2011). Doch insbesondere in den akademischen Ausbildungsgängen sind die Inhalte einer inklusiven Bildung nur in geringem Umfang systematisch in Studiengängen der Frühpädagogik enthalten. Die etwa 100 frühpädagogischen Studiengänge in Deutschland befassen sich zumeist nur rudimentär mit Aspekten einer inklusiven Bildung. Es besteht ein erheblicher Bedarf an wissenschaftlich fundierten Ausbildungsmaterialien (Heimlich, 2013). Studiengangskonzepte sollten zudem den Ansatz der Inklusion nicht ausschließlich in modularisierter Form behandeln, sondern in allen Modulen als Querschnittaufgabe einbeziehen (Albers, 2011; Lingenauber, 2010; Thalheim & Jerg, 2012).

Die erfolgreiche Umsetzung inklusiver Bildung in Kindertageseinrichtungen wird maßgeblich durch die Haltung der frühpädagogischen Fachkräfte beeinflusst (Berry, 2010; Lieber et al., 1998; Mulvihill et al., 2002; Taylor & Ringlaben, 2012). Sie wurde als relevante Gelingensbedingung bei der Implementierung von Inklusion im vorschulischen Bereich identifiziert (Bricker, 2000; Cross et al., 2004). Die professionelle Haltung bildet als kontinuierlich zu entwickelnde Kernkompetenz eine Basis der anderen Handlungsfelder. Sie bezieht sich einerseits auf ein handlungsleitendes professionelles Rollen- und Selbstverständnis, andererseits auf die sich beständig weiterentwickelnde Persönlichkeit der pädagogischen Fachkraft, die durch biografische Selbstreflexion sowie durch die Fähigkeit zur systematischen und methodisch fundierten Reflexion pädagogischer Handlungspraxis im Prozess der Ausbildung entwickelt und gefestigt wird (Robert-Bosch-Stiftung, 2011).

Was will das Projekt?

Das Forschungsprojekt Inklusive Kindheitspädagogik als Querschnittsthema in der Lehre (InQTheL) wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der BMBF-Förderrichtlinie „Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte für inklusive Bildung“ gefördert (FKZ: 01NV1719; Laufzeit: Februar 2018 bis April 2021). Ziel des Projekts InQTheL war die Entwicklung und Bereitstellung von empirisch fundierten Lehr- und Lernmaterialien für Lehrende im Bereich der Frühpädagogik zum Thema Inklusion[1] sowie deren Implementierung und formative Evaluation. Die Lehr- und Lernmaterialien sollen dazu beitragen, inklusive Bildungsprozesse in Kitas durch eine Ausweitung des Themenbereiches inklusive Bildung in früh- und kindheitspädagogischen Studiengängen zu fördern. Das Themenfeld Inklusion wird dabei als Querschnittsaufgabe verstanden und in den verschiedenen Lehrbereichen in kindheits-/frühpädagogischen Studiengängen, also nicht nur in einem abgrenzbaren Modul Inklusion, aufgegriffen (Albers, 2011). Somit werden die verschiedenen relevanten Ebenen einer inklusiven Bildung berücksichtigt (Prengel, 2014). Um eine enge Theorie-Praxis-Verzahnung zu gewährleisten, wurden die Good-Practice-Beispiele gemeinsam mit Kindertageseinrichtungen erarbeitet, die als besonders beispielhaft hinsichtlich einer gelungenen inklusiven Praxis identifiziert wurden.

Primäre Zielgruppe der Lehrmaterialien sind Lehrpersonen in grundständigen und berufsintegrierenden Studiengängen der Kindheitspädagogik sowie themenverwandten Studiengängen an deutschsprachigen Hochschulen. Ferner können Fachschulen die Lehrmaterialien im Rahmen von Ausbildungsgängen zum/r staatlich anerkannten Erzieher*in einsetzen. Ebenfalls denkbar ist der Einsatz im Rahmen von Fort- und Weiterbildungsangeboten, etwa von Fachberater*innen oder Kitaleitungen.

Wie sind wir vorgegangen?

Das Vorhaben wurde mittels eines mehrstufigen Mixed-Methods-Design umgesetzt. Neben einer systematischen Literaturrecherche wurden quantitative und qualitative Methoden verwendet, um die komplexen multikausalen Gelingensbedingungen einer inklusiven Praxis zu erfassen. Das Vorhaben gliederte sich dabei in folgende aufeinander aufbauende Projektphasen:

a) Erstellung eines integrativen Reviews zum (internationalen) Forschungsstand zu den Gelingensbedingungen und Bedarfen einer inklusiven frühpädagogischen Praxis

b) Bestandsaufnahme und Analyse von Gelingensbedingungen und Bedarfen einer inklusiven frühpädagogischen Praxis in den Kitas Sachsen-Anhalts

c) Entwicklung von Good-Practice-Beispielen und Erstellung der Lehrmaterialien

d) Formative Evaluation und Dissemination

Die Forschungserkenntnisse zu den Gelingensbedingungen und Bedarfen bildeten das Fundament für die Entwicklung der Lehr- und Lernmaterialien (Stolakis, Simon, Hohmann, Sterdt, Morfeld, Borke & Schmitt, 2023). Neben einer theoretischen Einbettung des Themenfeldes Inklusion und Behinderung und der Vorstellung des Forschungsprojekts umfasst der Hauptteil die Lehr- und Lernmaterialien mit den dazugehörigen Good-Practice-Beispielen. Um Inklusion als Querschnittsthema zu behandeln, gliedert sich das entwickelte Material in Handlungsfelder, die sich an den von der Robert-Bosch-Stiftung herausgegebenen Qualifikationsprofilen an Arbeitsfeldern der frühen Kindheit orientieren (Robert-Bosch-Stiftung, 2011). Hier werden die zentralen beruflichen Handlungsfelder für frühpädagogische Fachkräfte dargestellt:

  • Handlungsfeld 1 – Professionelle Haltung
  • Handlungsfeld 2 – Arbeit mit Kindern
  • Handlungsfeld 3 – Elternarbeit
  • Handlungsfeld 4 – Organisation und Management
  • Handlungsfeld 5 – Zusammenarbeit mit anderen Professionen, Kooperationen und Vernetzung im Sozialraum
  • Handlungsfeld 6 – Wissenschaft und Forschung.

Zu jedem einzelnen Handlungsfeld wird einleitend der Forschungsstand dargestellt, welcher Erkenntnisse zu den Gelingensbedingungen für eine inklusive Kindheitspädagogik, die im Rahmen des Forschungsprojekts InQTheL erhoben wurden, beinhaltet. Kernstück der Lehr- und Lernmaterialien sind die Good-Practice-Beispiele in Form von 97 Video- oder Audioaufnahmen und/oder schriftlichen Materialien wie Ausschnitten aus Expert*inneninterviews, Ergebnisse von Gruppendiskussionen oder verschriftlichte Fallbesprechungen. Alle Materialien sind online abrufbar. Begleitet werden sie durch schriftliche Situationsbeschreibungen, die gesammelt in der o.g. Publikation enthalten sind. Sie führen in das Material ein und bieten erste Vorschläge zur Einbindung der Materialien in die Lehre sowie Reflexionsansätze. Mit Hilfe der Verschriftlichung lassen sich die einzelnen Situationen im Hinblick auf eine inklusive Bildung und Betreuung kritisch reflektieren.

Ergebnisse in Bezug auf die inklusive Haltung von Fachkräften

Exemplarisch soll das Handlungsfeld 1 – Professionelle Haltung herausgegriffen werden. Bei den Lehrmaterialien dieses Kapitels handelt es sich vorrangig um Ergebnisse aus den verschiedenen Erhebungsphasen des Projekts InQTheL. Ergänzt werden diese durch zwei Praxisbeispiele aus den Kitas.

Theorieimpulse und Projektergebnisse zum Thema Inklusive Haltung

Die Theorieimpulse und Projektergebnisse bilden das Kernstück dieses Kapitels und sollen in diesem Beitrag vorgestellt werden. Das Material enthält einen Foliensatz in Form einer PowerPoint-Präsentation zum Thema Inklusive Haltung.

Dieser beinhaltet die folgenden thematischen Bereiche:

  • Theorieinput zum Behinderungsbegriff und zum Inklusionsdiskurs
  • Präsentation der Projektergebnisse des InQTheL-Projektes zum Thema Inklusive Haltung
  • Diskussion im Plenum mit der Methode Focusgroup Illustration Map
  • Präsentation der Ergebnisse eines Expert*innenforums
  • Ergebnisse von Expert*inneninterviews

Der Foliensatz kann durch Lehrende in die eigenen Lehrveranstaltungen integriert werden. Einerseits können einzelne Folien zu den Theorieimpulsen oder den Ergebnissen für eigene Lehrinhalte genutzt werden, um sie tiefgreifender zu diskutieren. Hier liegt das Potenzial darin, dass einzelne Aspekte vertieft werden können. Andererseits können die Folien auch gemeinsam genutzt werden, um über das Themenfeld Inklusive pädagogische Orientierung im Allgemeinen zu sprechen. Die Materialien sollen eine vertiefte Reflexion mit dem Thema inklusive Haltung unterstützen.

Der Theorieinput zum Behinderungsbegriff und zum Inklusionsdiskurs umfasst im Wesentlichen historische Aspekte beider Begriffe. Dadurch lässt sich verdeutlichen, dass die Definition von Behinderung nicht konstant ist, sondern sich fortwährend wandelt von einem eher personenorientierten über ein soziales bis hin zu einem eher kulturellen Verständnis. In diesem Zuge hat sich auch der pädagogische Umgang mit Behinderung verändert von der Exklusion und Segregation hin zu Integration und Inklusion. Dieser Theorieinput lässt sich nutzen, um mit Studierenden in das Thema einzusteigen.

Darauf aufbauend können die Ergebnisse aus der Literaturrecherche und der Bestandsaufnahme in Sachsen-Anhalt des InQTheL-Projekts einbezogen werden. Insbesondere werden hier Spannungsfelder bezüglich einer inklusiven Haltung aufgezeigt und die Ergebnisse unter diesen Gesichtspunkten präsentiert. So zeigen die Ergebnisse, dass Inklusion auf einer rechtlichen Ebene und auf der Ebene von Outcomes (positive Auswirkung auf soziale Kompetenzen) zwar einerseits befürwortet (Lieber et al., 1998; Nonis et al., 2016), auf einer konkreten, handlungspraktischen Ebene hingegen eher mit Skepsis betrachtet werden (Bruns & Mogharreban, 2007). Diese Ergebnisse ließen sich sowohl im internationalen Forschungsstand als auch in der Bestandsaufnahme finden. Diskrepanzen wurden auch in Bezug auf das Inklusionsverständnis deutlich. So wird Inklusion einerseits als Möglichkeit betrachtet, Barrieren in der Institution im Allgemeinen zu identifizieren und zu bearbeiten, dennoch wird mehrheitlich der Aussage zugestimmt, dass Inklusion bedeutet, Kinder mit Behinderung bei der Überwindung individueller Hürden zu unterstützen. Begrifflich kommt das eher dem klassischen Förderverständnis gleich, bei welchem die Intervention am Kind und nicht die Unterstützung von Teilhabe im Vordergrund steht (Fyssa et al., 2014, Knauf & Graffe, 2016). Dieses Ergebnis fand sich ebenfalls in beiden Forschungsschritten. Gleichzeitig zeigen sich sowohl im internationalen Forschungsstand als auch in der Bestandsaufnahme in Sachsen-Anhalt Tendenzen von Zuschreibungen. So werden mit Behinderung eine höhere Bedürftigkeit sowie starke Abweichungen im Verhalten assoziiert (Alexander et al., 2016; Dimitrova-Radojichikj et al., 2016). Die Bestandsaufnahme konnte zudem zeigen, dass die Einstellung zur Umsetzung von Inklusion uneinheitlich ist. So wird zwar die inklusive Betreuung von Kindern mit Behinderung befürwortet, gleichzeitig geben die Einrichtungen aber an, dass für die Betreuung speziell ausgebildete Fachkräfte erforderlich sind und pädagogische Fachkräfte aus Regeleinrichtungen den Bedürfnissen dieser Kinder keinesfalls gerecht werden können.

Diese Projektergebnisse bieten sich als Impuls für eine nachfolgende Diskussion an. Sie können zum Anlass genommen werden, um über den Begriff Inklusion ins Gespräch zu kommen, was dieser für jede*n einzelne*n bedeutet und welche Implikationen sich für das pädagogische Handeln ergeben. Die Diskrepanz zwischen einer positiven Grundeinstellung einerseits und Zweifel bei der Umsetzung in der pädagogischen Praxis andererseits kann zudem genutzt werden, um mit Studierenden über ihre eigenen Wertvorstellungen, aber auch über Unsicherheiten und Ängste bzgl. einer inklusiven Bildung und Betreuung ins Gespräch zu kommen. So kann ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche Kompetenzen es braucht, um Handlungssicherheit zu erlangen, so dass sich diese gezielter ausbauen lassen. An die Ergebnisse anknüpfend könnte aber auch über stereotype Vorstellungen über Menschen mit Behinderungen gesprochen werden und darüber, was es braucht, um diese abzubauen. Dabei können Aspekte, wie bspw. Behinderungsbegriff und -verständnis vertieft werden.

Um eine Auseinandersetzung mit den genannten Spannungsfeldern anzuregen, werden im Lehrmaterial eine Reihe von Reflexionsfragen zur Verfügung gestellt. Zudem können die weiteren Folien des Foliensatzes als Vergleichshorizont für die Diskussion genutzt werden. Sie enthalten Ergebnisse einer Gruppendiskussion, eines Expert*innenforums und Zitate von Expert*inneninterview mit Kita-Leitungen und Fachkräften. Die Ergebnisse des Expert*innenforums, zeigen bspw., dass hier darüber diskutiert wurde, wie eine inklusive Haltung entwickelt und gefördert werden kann. Hier wurde insbesondere ein möglichst früher Praxisbezug in der Ausbildung und dabei auch eine Begegnung mit verschiedenen Heterogenitätsdimensionen (in Form von Selbsterfahrung) als förderlich hervorgehoben, um stereotype Vorstellungen abbauen zu können. Weiter wurde betont, dass die Arbeit mit Fallbeispielen dazu beitragen kann, Handlungssicherheit herzustellen.  Dies sind nur Beispiele und womöglich können Studierende durch die Auseinandersetzung und Reflexion dazu angeregt werden, selbst Ideen darüber zu entwickeln, was sie brauchen, um sich auf eine inklusive Praxis gut vorbereitet zu fühlen.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Die Qualifizierung des (zukünftigen) Fachpersonals ist von entscheidender Bedeutung, um inklusive Bildungsprozesse zu fördern. Die Reflexion wesentlicher Einflussfaktoren, welche die eigenen Denk- und Handlungsweisen ursächlich prägen, können dazu beitragen, fehlende Kompetenzen, Leerstellen o.ä. zu erkennen. Diese können dann anhand der eigenen Normen und Werte abgeglichen und integriert werden, um ein selbstsicheres, situationsübergreifend kontextsensibles und kohärentes Handeln zu ermöglichen (Kuhl, Schwer & Solzbacher, 2014). Durch die Unterstützung systematischer und methodisch fundierter Reflexionsprozesse kann sich eine inklusive Haltung herausbilden und festigen. Dafür erscheinen die entwickelten Lehr- und Lernmaterialien besonders geeignet, da sie die selbstständige Auseinandersetzung mit Lerninhalten fördern und zu einer gezielten Diskussion und Reflexion anregen. Zugleich wird eine Verbindung von Theorie und Praxis ermöglicht, die in ein kritisches, analytisches Verhältnis zueinander gesetzt werden können.

Ziel jeglicher akademischen Ausbildung ist die Herausbildung eines kritischen, fachbezogenen Denkens. Dafür ist eine verstärkte Studierendenzentrierung in der Lehre grundlegend (Messner, 2016). Studierende als Lernende sollten sukzessiv in die Lage versetzt werden, Lerninhalte eigenständig zu bearbeiten. Good-Practice-Beispiele bieten den Vorteil einer geringeren Abstraktion, sodass die Studierenden selbstständig Vorstellungen darüber entwickeln können, was Dimensionen einer inklusiven Praxis sein können. Die Notwendigkeit solcher Materialien wurde in verschiedenen Formaten, in denen sie vorgestellt wurden, deutlich. Zudem konnten erste Einsätze in Lehrveranstaltungen zeigen, dass sie vielfältige Anlässe zur Auseinandersetzung mit Inklusion innerhalb der verschiedenen Handlungsfelder bieten.

Zugang zu den Lehrmaterialien:

Stolakis, A., Simon, E., Hohmann, S., Sterdt, E., Morfeld, M., Borke, J. & Schmitt, A. (2023). Inklusive Praxis in der Kita: Lehr- und Lernmaterialien für die Kindheitspädagogik. Beltz Juventa.

Das gesamte Arbeitsmaterial wird online zur Verfügung gestellt unter: https://www.beltz.de/fach- medien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/46373-inklusive-praxis-in-der-kita.html bzw. auf der Produktseite zum Buch auf www.beltz.de. Hier geht es zum Kompetenzzentrum Frühe Bildung der Hochschule Magdeburg Stendal.

Literatur

Albers, T. (2011). Inklusion in den frühpädagogischen Studiengängen. Zeitschrift für Inklusion, 5(3).

Alexander, S. T., Brody, D. L., Muller, M., Gor Ziv, H., Achituv, S., Gorsetman, C. R., Harris, J., Tal, C., Goodman, R., Schein, D., Vogelstein, I. & Miller, L. (2016). Voices of american and israeli early childhood educators on inclusion. International Journal of Early Childhood Special Education, 8(1), 16–38.

Berry, R. (2010). Preservice and early career teachers’ attitudes toward inclusion, instructional accommodations, and fairness: three profiles. The teacher educator, 45(2), 75–95.

Bricker, D. (2000). Inclusion: How the Scene Has Changed. Topics in Early Childhood Special Education, 20(1), 14–19.

Bruns, D. A. & Mogharreban, C. C. (2007). The gap between beliefs and practices: early childhood practitioners’ perceptions about inclusion. Journal of Research in Childhood Education, 21(3), 229–241.

Cross, A. F., Traub, E. K., Hutter-Pishgahi, L. & Shelton, G. (2004). Elements for successful inclusion for children with significant disabilities. Topics in Early Childhood Special Education, 24(3), 169–183.

Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) (2009). Frühkindliche Bildung inklusiv gestalten: Chancengleichheit und Qualität sichern. https://www.unesco.de/sites/default/files/2018-05/2009_Fruehkindliche_Bildung_inklusiv_gestalten.pdf

Dimitrova-Radojichikj, D., Chichevska-Jovanova, N. & Rashikj-Canevska, N. (2016). Attitudes of the macedonian preschool teachers toward students with disabilities. Alberta Journal of Education Research, 62(2), 184–198.

Fyssa, A., Vlachou, A. & Avramidis, E. (2014). Early childhood teachers’ understanding of inclusive education and associated practices: reflections from greece. International Journal of Early Years Education, 22(2), 223–237.

Heimlich, U. (2013). Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften für inklusive Bildung im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung. In H. Döbert & H. Weishaupt (Hrsg.), Inklusive Bildung professionell gestalten – Situationsanalyse und Handlungsempfehlungen (S. 11–32). Waxmann.

Kuhl, J., Schwer, C. & Solzbacher, C. (2014). Professionelle pädagogische Haltung: Ver- such einer Definition des Begriffes und aus- gewählte Konsequenzen für Haltung. In C. Schwer & C. Solzbacher (Hrsg.), Professio- nelle pädagogische Haltung (107–120). Ver- lag Julius Klinkhardt.

Lingenauber, S. (2010). Integrative Elementarpädagogik und das Menschenbild der Reggio-Pädagogik. Gemeinsam leben, Zeitschrift für integrative Erziehung, 4, 165–168.

Lieber, J., Capell, K., Sandall, S. R., Wolf- berg, P., Horn, E., & Beckman, P. (1998). In- clusive preschool programs: Teachers’ be- liefs and practices. Early Childhood Research Quarterly, 13 (1), 87-105.

Messner, E. (2016). Hochschuldidaktische Herausforderungen zwischen Bologna und Humboldt. In Steirische Hochschul- konferenz (Hrsg.), Qualität in Studium und Lehre: Kompetenz- und Wissensmanagement im steirischen Hochschulraum (S. 5–7). Springer VS.

Mulvihill, B. A., Shearer, D. & Van Horn, M. L. (2002). Training, experience, and child care providers perceptions of inclusion. Early Childhood Research Quarterly, 17(2), 197–215.

Nonis, K., Chong, W. H., Moore, D. W., Thang, H. N., Koh, P. & Tang, H. N. et al. (2016). Pre-school teacher’s attitudes towards inclusion of children with developmental needs in kindergartens in Singapore. International Journal of Special Education, 31(3).

Prengel, A. (2014). Inklusion in der Frühpädagogik: Bildungstheoretische, empirische und pädagogische Grundlagen (2. Aufl.). Deutsches Jugendinstitut (DJI).

Robert-Bosch-Stiftung. (2011). Qualifikationsprofile in Arbeitsfeldern der Pädagogik der Kindheit Ausbildungswege im Überblick. https://www.bvktp.de/media/pik_qualifikationsprofile_1_.pdf

Schelle, R. & Friedrich, T. (2015). Weiterentwicklung pädagogischer Qualität durch inklusive Frühpädagogik: Eine Analyse der Schlüsselprozesse in Kitas. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 10(1), 67–80.

Stolakis, A., Simon, E., Hohmann, S., Sterdt, E., Morfeld, M., Borke, J. & Schmitt, A. (2023). Inklusive Praxis in der Kita: Lehr- und Lernmaterialien für die Kindheitspädagogik. Beltz Juventa.

Taylor, R. W. & Ringlaben, R. P. (2012). Impacting Pre-service Teachers’ Attitudes toward Inclusion. Higher Education Stu- dies, 2(3), 16–23.

Thalheim, S. & Jerg, J. (2012). Vernetzung und Förderung der Inklusionsorientierung von Forschung, Lehre und Praxisent- wicklung in Studiengängen der Frühpädagogik/frühkindlichen Bildung. In S. Simone, N.-K. Finnern, N. Korff & K. Scheidt (Hrsg.), Inklusiv gleich gerecht? Inklusion und Bildungsgerechtigkeit (S. 148–153). Klinkhardt.

Viernickel, S., Nentwig-Gesemann, I., Harms, H., Richter, S. & Schwarz, S. (2011). Profis für Krippen: Curriculare Bausteine für die Aus- und Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte. FEL.


[1] Das Projekt InQTheL bezieht sich auf die Heterogenitätsdimension Behinderung, wohlwissend, dass Inklusion auch andere Heterogenitätsdimensionen (bspw. Herkunft, Geschlecht) betrifft und dass eine gute Pädagogik für jedes Kind auch automatisch eine inklusive Pädagogik, im Sinne einer Pädagogik der Vielfalt (Prengel, 2014), ist. Die vorgestellten Lehr-/Lernmaterialien sind dabei auch im Hinblick auf andere Heterogenitätsdimensionen diskutierbar.

Vielfalt vor Ort begegnen – wie geht das eigentlich?

| Barbara Lochner |

Im Modellprojekt „Vielfalt vor Ort begegnen – professioneller Umgang mit Heterogenität in Kindertageseinrichtungen“ wird80 Thüringer Kitas ermöglicht, eigene Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Finanziert wurde das Projekt von 2021 bis 2023 durch Mittel aus dem Gute-Kita-Gesetz des Bundes (Lochner et al. 2022). Mittlerweile hat das Land Thüringen die Förderung übernommen und sie bis Ende 2025 abgesichert. Es geht darum, dass die Kitas ihre eigenen Herausforderungen in der Wahrnehmung von und Umgang mit Heterogenität erkennen und nach praktikablen Wegen suchen, diesen im Sinne einer inklusiven, diversitätsreflexiven Praxis zu begegnen. Zur Koordination dieses Prozesses gibt es in den Einrichtungen sog. „Steuerungsfachkräfte“, die zusätzlich zum Regelpersonal finanziert werden. Sie werden durch Fachberater:innen und einem Team von Wissenschaftler:innen unterstützt und begleitet.

Was will das Projekt?

Das Zusammenleben und der Alltag in Kindertageseinrichtung ist ein Spiegel der Gesellschaft und damit in gleicher Weise von Diversität und Heterogenität geprägt. Es ist mittlerweile empirisch gut belegt, dass zentrale Differenzlinien wie race*, class, gender oder dis/ability auch in Kindertageseinrichtungen eine Rolle spielen, die Entwicklung der Identitäten von Kindern prägen und den „Zugang zu bedeutenden gesellschaftlichen Gütern wie (…) Bildung“ (Kuhn 2021) steuern. Um das Zusammenleben in institutionellen Gemeinschaften inklusiv und diversitätssensibel zu gestalten, sind Reflexionen und Veränderungen auf Struktur-, Orientierungs- und Interaktionsebene notwendig. Zum einen geht es darum, den vielfältigen Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnissen der Kinder angemessen zu begegnen und ihnen im Sinne einer solidarischen Gemeinschaft Raum zu geben. Zum anderen ist es Teil des frühpädagogischen Bildungsauftrags Kinder für den Umgang mit Vielfalt zu befähigen.

Die Kitas sind im Modellprojekt aufgefordert, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Aufgrund unterschiedlicher sozialstruktureller Gegebenheiten, organisationaler Rahmenbedingungen und fachlicher Schwerpunktsetzungen sind seit 2021 vielfältige Projekte in den Einrichtungen entstanden. Die begleitende Evaluation zeigt, dass bislang insbesondere die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von Kindern und Familien mit sog. ‚Migrationshintergrund‘, nicht-deutscher Familiensprache und/oder sozioökonomischen Belastungen im Fokus der Auseinandersetzung standen. Neben konkreten Maßnahmen (etwa dem Etablieren eines Elterncafés oder von Kita-Sozialarbeit) geht es um die Entwicklung einer reflexiven Haltung und diversitätssensibler Interaktionskompetenz – auch um dem Risiko zu begegnen, durch neue Formate und Angebote Zuweisungs- und Otheringpraktiken[1] zu reproduzieren, Ungleichheiten zu verstärken und das Potenzial von Kindertageseinrichtungen als „gesellschaftliches Allgemeinangebot“ (Thole 2012, S. 56) zu schwächen.

Aufgabe der wissenschaftlichen Begleitung ist es, die konkreten Herausforderungen vor Ort in ihrer Komplexität auszuleuchten und fachliche Unterstützungs- und Reflexionsangebote zu entwickeln, welche die diversitätsreflexive Handlungskompetenz stärken. Hierfür werden Räume geschaffen, die Perspektiverweiterungen und Reflexionen ermöglichen.

Wie sind wir vorgegangen?

Das Team der FH Erfurt begleitet den Projektprozess forschend, führt ein inhaltliches Monitoring durch und hält Fortbildungs- und Vernetzungsangebote für die Praktiker:innen und Fachberater:innen vor. Sie orientiert sich dabei an der Idee der „dialogischen Wissenstransformation“ (Blatter & Schelle 2022; Junk & Wutzler 2023). Begleitmaßnahmen sind demnach so angelegt, dass Wissensbildung und Weiterentwicklung im Dialog der wissenschaftlichen und fachpraktischen (sowie ggf. weiterer) Akteur:innen erfolgen. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass „wissenschaftliche Erkenntnisse die Praxis (…) über eine eigenständige Rezeption durch die Praktikerinnen und Praktiker“ (Blatter und Schelle 2022, S. 18) erreichen müssen, geht es darum, einen Transformationsraum zu schaffen, der die Entstehung „neuen Wissens“ im aktiven Austausch und der Vernetzung der unterschiedlichen Akteur:innen ermöglicht.

 Im Rahmen von Forschung und Monitoring ging es in der ersten Projektphase (bis Mai 2023) vor allem um folgende Ziele:

  • Mit Hilfe von ethnografisch orientierten Hospitationen in den Einrichtungen und einer standardisierten Online-Befragung zu Beginn des Projekts wurde das Ziel verfolgt, die Ausgangslage zu dokumentieren, ein Verständnis für die Herausforderungen der Praxis zu entwickeln und herauszufinden, welche Unterstützungsbedarfe die Einrichtungen und Fachkräfte sehen.
  • Insbesondere auf Basis der ethnografisch orientierten Hospitationen und den daraus entstandenen Beobachtungsprotokollen, wurde eine Fallvignette entwickelt, die als Gesprächsimpuls für Gruppendiskussionen mit den Steuerungsfachkräften der Einrichtungen und den Fachberater:innen dient und im Weiteren als Fortbildungsmaterial eingesetzt wird. Mit den Gruppendiskussionen wurden Orientierungen, strukturähnliche Erfahrungen und Umgangsweisen mit gegenstandsimmanenten Spannungsfeldern in der Auseinandersetzung mit Diversität erfasst. 
  • Gegen Ende der ersten Projektphase (im Winter 2022/23) wurden der Projektverlauf, die Erfolge und Herausforderungen auf Basis evaluativer Gruppendiskussionen und einer weiteren standardisierten Online-Befragung in den Einrichtungen evaluiert.

Eine Grundidee war, dass durch das Zusammenspiel von forschenden, dialogisch ausgerichteten und fortbildenden Zusammenkünften praxisnahe Möglichkeiten der Perspektiverweiterung und Reflexion eröffnet werden. Bei den Beobachtungen der Wissenschaftler:innen im Rahmen der ethnografisch orientierten Hospitationen ging es etwa darum, gegenstandsimmanente Spannungsfelder in den Deutungs- und Handlungsweisen herauszuarbeiten und diese in eine Fallvignette zu transportieren, die diese Erkenntnisse nicht nur verdichtet aufgreift, sondern die Ausgangssituationen auch so verfremdet, dass sich beteiligte Fachkräfte nicht bloßgestellt fühlen, wenn sie als Teilnehmende der Gruppendiskussion auf die Vignette stoßen. Bei den Gruppendiskussionen handelte es sich dann um Reflexionen der Steuerungsfachkräfte und Fachberater:innen, die sich – vermittelt durch die Fallvignette – auf die Wahrnehmungen der Fachkräfte im Feld sowie auf die Beobachtung dieser Fachkräfte durch die Wissenschaftler:innen richteten. Auf diese Weise wurden sowohl Einordnungen der pädagogischen Praxis (was sind die Handlungsprobleme, die in der Fallvignette sichtbar werden?), Annahmen zu externen Wahrnehmungen (welche Zuschreibungen sind in der so konstruierten Fallvignette enthalten?) sowie Orientierungen und Deutungsweisen der Diskutant:innen (wie werden die Handlungsprobleme wahrgenommen und diskutiert?) der Analyse zugänglich. Der Raum der Fortbildungen bot im Anschluss daran die Möglichkeit, die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Deutungsebenen aufzugreifen und gemeinsam zu bearbeiten.

Was sind bisherige Ergebnisse des Projekts?

Aufgrund der unterschiedlichen Forschungsstränge und -ebenen kann an dieser Stelle nur ein kleiner Ausschnitt dargestellt werden, der an das oben skizzierte Interesse der Vermittlung unterschiedlicher Perspektiven und Wahrnehmungen anknüpft.

Als relevante Themen in Bezug auf eine diversitätsreflexive Interaktionspraxis wurden auf Basis der ethnografischen Hospitationen

  • der Umgang mit Artefakten (insbesondere sog. „Vielfaltsmaterialien“),
  • das Verhältnis von Repräsentation und Besonderung (im Umgang mit Materialien und Personen),
  • die Wahrnehmung und Einordnung von Diskriminierung (z. B. als pädagogisches Problem oder „Effekt gesellschaftlicher Einteilung“ (Scheer 2011, S. 36),
  • das Zusammenspiel von Ausgrenzung und Kindbild (Verhältnis von Vulnerabilität und Akteur:innenstatus des Kindes als Ausgangspunkt pädagogischer Interventionen) sowie
  • Fragen der Teamkultur und kollegialer Kritik herausgearbeitet (Verhältnis von kollegialer Intervention und Reflexion). 

Diese Themen wurden in die o. g. Fallvignette überführt, die als verfremdete dichte Beschreibung verstanden werden kann. Sie wurde in zwei Fassungen erstellt, die sich lediglich durch den Namen der zweiten Fachkraft (Frau Ismael/Frau Meier) unterscheiden. Achtmal wurde die Vignette „Meier“ und sechsmal die Vignette „Ismael“ in den Gruppendiskussionen genutzt. Die Veränderung der Namen sollte eine weitere Ebene der Differenz hinzufügen und stellte die Vergleichbarkeit der Diskussionen über diesen Unterschied her.

Als bedeutsam haben sich in der bisherigen Auswertung der Gruppendiskussionen u. a. folgende Aspekte erwiesen:

  • In fast allen Gruppendiskussionen besteht bei den Diskutant:innen zunächst ein hohes Bedürfnis sich vom Handeln der Fachkräfte in der Fallvignette abzugrenzen. Spätere Konklusionen zu Frau Schütz lassen sich überwiegend mit der Formel „gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“ (VGD 12, Ihln, Z. 39) zusammenfassen. Daraus werden mitunter eigene Handlungsaufträge als Steuerungsfachkräfte bzw. Fachberater:innen abgeleitet, die sich um die Förderung einer Fehler- und Kritikkultur im Team und um pädagogisch-didaktische Kompetenz drehen. Diese handlungsorientierte Bewertung lenkt den Blick auf praktische Handlungs- und Veränderungsbedarfe, überspringt jedoch den Schritt einer präzisen Analyse der Strukturlogiken, die dem Handeln, das als fehlerhaft wahrgenommen wird, zugrunde liegen.
  • Die Deutungen des Handelns der zweiten Fachkraft variieren in einer Weise, die eine Verbindung mit der jeweiligen Namensgebung sehr nahelegen (vgl. u. a. Kleen & Glock 2020). Heißt sie Fr. Ismael wird ihr Handeln häufiger in den Blick genommen und tendenziell kompetenter eingeordnet als bei Fr. Meier. Es deutet sich an, dass Fr. Ismael als „Experten für Othering- und Rassismuserfahrungen“ (Akbaş 2017, S. 377) positioniert wird. Zugleich werden Beschränkungen der Handlungsmöglichkeiten (als „Neue“, die möglicherweise eine eigene Migrationsgeschichte hat) deutlicher aufgerufen als bei Frau Meier. Diese wiederum wird stärker als Repräsentantin der Fachgemeinschaft positioniert. Sie scheint ein höheres Identifikationspotenzial zu bieten, was auch dazu führt, dass sie stärker kritisiert wird.
  • Als intersubjektiv anschlussfähiger Gesprächsmodus erweist sich vor allem eine pädagogisch-didaktische Inblicknahme der Fallvignette. Dies ist einerseits mit Blick auf den Gesprächsrahmen (die Teilnehmenden kennen sich nicht alle, die Gruppendiskussionen finden pandemiebedingt digital statt) erklärlich: Der gemeinsame Bezugspunkt ist die pädagogische Beruflichkeit. Zugleich verstellt dieser Modus mitunter den Blick auf Diskriminierungspraktiken, weil er zu begünstigen scheint, Konflikte als situierte pädagogische Probleme zu interpretieren, ohne sie ins Verhältnis zu gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu setzen.       

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Deutlich wird im Projekt nicht nur die hohe Bedeutung von Reflexionsräumen für die strukturierte Auseinandersetzung mit den Fallstricken und Bedingungen einer diversitätsreflexiven Praxis. Es deutet sich vor allem an, wie notwendig es ist, konsequent folgende Prämissen von Reflexionsprozessen zu beleuchten und zu hinterfragen:

  • In den Gruppendiskussionen zeigt sich z. B. erstens, dass die Auseinandersetzung sehr stark davon beeinflusst wird, ob die Situation als „echt“ eingeordnet und damit als relevant für die eigene Praxis zugelassen wird. Möglicherweise fungieren solche Distanzierungen als Selbstschutz gegen eine (schmerzhafte) Auseinandersetzung mit der eigenen Involviertheit in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Zugleich zeigt sich in unseren Daten, dass die Anerkennung von Authentizität die Nähe zum Gegenstand erhöht.
  • Es zeigt sich zweitens die Bedeutung kasuistischer Kompetenz in der Auseinandersetzung mit Situationen. Sie erlaubt, den Strukturlogiken des Handelns nachzugehen und damit die Ebene der Bewertung oder des affirmativen Verständnisses zu verlassen. Das schnelle Bewerten behindert den Blick auf die strukturellen Bedingungen der Praxis und begünstigt einen individualisierenden Umgang mit Handlungsproblemen.
  • Schließlich zeigt sich drittens, wie schwierig es ist, sich von impliziten Annahmen zur sozialen Positioniertheit von Personen in der Einordnung von Vorgängen und Praktiken zu lösen (von Heyden & Zeltwanger 2023; Lochner & Rehklau 2023). Eine Möglichkeit wäre ggf. sozialstrukturelle Kontexte (Alter, Geschlecht, Herkunft), die mit dem Namen transportiert werden, in Fallreflexionen zu verfremden oder durch Anonymisierungen zu entfernen (vgl. Lochner 2017), um methodische Kontrolle über implizite Ordnungen der Differenz, die den eigenen Reflexionsprozess beeinflussen, zu erlangen.  

Literaturverweise

Akbaş, B. (2017). Von Sprachdefiziten und anderen Mythen. Eine Studie zum Nicht-Verbleib von Elementarpädagoginnen und -pädagogen mit Migrationshintergrund. Wiesbaden: Springer.

Blatter, K. & Schelle, R. (2022). Transfer in der Frühpädagogik als Wissenstransformation. Theoretische Verortung und Handlungsfelder. In: Weltzien, D., Wadepohl, H., Cloos, P., Friedrich, T. & Schelle, R. (Hrsg.): Transfer in der Frühpädagogik. Freiburg i. Br.: FEL, S. 21-50.

Kleen, H. & Glock, S. (2020). Sag’ mir, wie du heißt, dann sage ich dir, wie du bist: Eine Untersuchung von Vornamen. In: Glock,S. &  Kleen, H. (Hrsg.): Stereotype in der Schule. Wiesbaden: Springer VS, S. 99–131.

Junk, D. & Wutzler, M. (2023). Dialogischer Wissenstransfer in der frühen Bildung: Kindergärten als Orte diversitätssensibler Pädagogik gestalten. In: Hoffmann, M. et al. (Hrsg.): RAUM MACHT. INKLUSION. Inklusive Räume entwickeln und erforschen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S.310–318.

Lochner, B. (2017). „Kevin kann einfach auch nicht Paul heißen“ Methodologische Überlegungen zur Anonymisierung von Namen. In: ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung 2017 (18 (2), S. 283–296.

Lochner, B., Rehklau, C. (2023). Heterogenitätsreflexive Interaktionsgestaltung als Herausforderung. Sozial Extra, 47, 28–30. (Open Access).

Lochner, B., Wutzler, M., Rißmann, M., Rehklau, C. (2022). „Vielfalt vor Ort begegnen“ – wissenschaftliche Begleitung eines Modellprojekts zum professionellen Umgang mit Heterogenität in Kindertageseinrichtungen in Thüringen (WisBeV). Soziale Passagen, 14, 201–207 (Open Access).

von Heyden, N. & Zeltwanger, S. (2023). Rassismus? So was gibt es bei uns nicht! Dethematisierung von Rassismuserfahrungen im Kita-Alltag und Räume für einen offenen Dialog. Sozial Extra, 47, 36–40 (Open Access).


[1] D.h. Ausgrenzung durch Benennung zu fördern.