Doing Kita in Randzeiten

| Dana Harring |

Was will das Projekt? Was ist das Phänomen?

Der Diskurs um flexible Kindertagesbetreuung, wozu auch Randzeiten zählen, fokussiert vorrangig die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Carearbeit von Eltern. Unter Randzeiten wird, in Abgrenzung zu Kernzeiten, die Betreuung vor 8 Uhr und nach 16 Uhr verstanden. Randzeiten gehen häufig mit der Zusammenlegung von Gruppen und teilweise mit der Aufweichung des Fachkräftegebots einher. Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen, der große Anteil Alleinerziehender, sowie die Entgrenzung traditioneller Arbeitszeiten machen eine Anpassung frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung an die Bedarfe von Eltern notwendig, um Erwerbstätigkeit zu ermöglichen und Kinderarmut zu reduzieren. Es wird deutlich, dass die Begründungen für flexible Kindertagesbetreuung wirtschaftlicher und familienpolitischer Natur ist und vorrangig die ‚Lebensrealitäten von Eltern‘ fokussiert (Schutter & Harring, 2022, Macha et al., 2018). Gleichzeitig wird flexible Kindertagesbetreuung für Kinder als Stressor diskutiert (Schäfer 2015)

Im pädagogischen Alltag (flexibler) Kindertagesbetreuung treten Eltern hingegen vorwiegend als passive, abwesende Akteur*innen in Erscheinung. Im frühpädagogischen Diskurs stehen dementsprechend Fragen der gelingenden Gestaltung flexibler Betreuung für alle Beteiligten im Fokus der Diskussion (Macha et al., 2018). Erkenntnisse über die konkrete Ausgestaltung und das Erleben von Kindern in Randzeiten, als eine Form flexibler Betreuung liegen bislang noch nicht vor.

In meiner Dissertationsstudie (Harring, 2024) war es mein Anliegen zu ergründen, wie Kinder Kindertageseinrichtungen im Sinne eines sozialen Beziehungsgefüges mitgestalten. Hierzu wurde insbesondere die Interaktion mit pädagogischen Fachkräften und Peers sowie die (Nicht-)Nutzung von Räumen und Artefakten, wie z.B. Kuscheltiere, Spielgeräte oder Einrichtungsgegenstände in den Blick genommen. Es wird angenommen, dass soziale Beziehungsgefüge, wie Kindertageseinrichtungen, durch Interaktionen von Akteur*innen untereinander und in mit Dingen hergestellt werden. Diese Praktiken sind dabei nicht willkürlich, sondern orientieren sich an etablierten Regeln und Normen (Hirschauer 2015). Die Fokussierung auf Randzeiten eignet sich insbesondere für die Rekonstruktion von sozialen Praktiken, die der Herstellung des Beziehungsgefüges Kindertageseinrichtung dienen, da sie Übergangszeiträume (von der Familie in die Kita und andersherum) darstellen, innerhalb derer Kita täglich neu formiert wird. Zudem sind hier alle drei relevanten Akteursgruppen – Kinder, Fachkräfte und Eltern, zumindest zeitweise, anwesend

Wie bin ich vorgegangen?

Über den Zeitraum von einem Jahr habe ich in den Alltag in drei Kindertageseinrichtungen während der Randzeiten und darüber hinaus, begleitet. Bei den Einrichtungen handelt es sich um zwei jeweils zweigruppige Krippen, eine in kirchlicher Trägerschaft und eine Elterninitiative, sowie um eine altersübergreifende Einrichtung mit vier Krippen-, drei Kindergarten- und einer Hortgruppe in freier Trägerschaft. Kernstück des Datenkorpus sind Beobachtungsprotokolle, die aus teilnehmenden Beobachtungen entstanden sind (Breidenstein et al. 2015). Ergänzt wurden die Beobachtungsprotokolle durch ethnographische Gespräche mit Kindern und pädagogischen Fachkräften, sowie durch feldeigene Dokumente, wie Einrichtungskonzeptionen. Dabei haben sich Phasen der Datenerhebung mit Analysephasen abgewechselt, sodass der Beobachtungsfokus im Laufe des Feldaufenthalts kontinuierlich zugespitzt werden konnte und die Beschreibungen verdichtet wurden (Breidenstein et al. 2015). Die Beobachtungen fanden während der Randzeiten, den Betreuungszeiten vor 8 Uhr und nach 16 Uhr, statt, die mit Goffmann (1982, S. 118) als „Interpunktionszeichen“, also Anfangs- und Schlusspunkt des sozialen Beziehungsgefüges Kita verstanden werden.

Was ist das Ergebnis?

Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass Kinder und pädagogische Fachkräfte in Randzeiten entlang von vier Handlungsdimensionen tagtäglich Kindertageseinrichtungen als soziale Beziehungsgefüge herstellen, aufrechterhalten und wieder beenden. Bei den vier Handlungsdimensionen handelt es sich um Zeit, Räume, Artefakte und Akteur*innen.

Abb. 1: Handlungsdimensionen Doing Kita (Harring 2024, S. 140)

Das als Doing Kita in Randzeiten‘ bezeichnete Konzept lässt sich in drei Phasen untergliedern, die nacheinander oder gleichzeitig stattfinden können:

  1. Constructing Kita

Unter Constructing Kita wird die (tägliche) Herstellung der sozialen Form Kita verstanden. Dazu zählt u.a. die Eröffnung von Räumen und die (De-)Aktivierung von Artefakten, beispielsweise indem der Schnuller, den ein Kind in der Familie nutzt, während der Kitazeit an einem nicht zugänglichen Ort aufbewahrt wird und nicht genutzt wird. Weiterhin fallen darunter die alltäglichen Übergänge vom Familienkind zum Kitakind, einhergehend mit der Verantwortungsübergabe oder der tatsächlichen körperlichen Übergabe des Kindes von Eltern an pädagogische Fachkräfte sowie der Ausschluss von familiären Akteur*innen. Etwa indem räumliche Grenzen, wie die Schwelle zum Gruppenraum von den Eltern nicht übertreten werden oder die Kinder ihre Eltern aus dem Gruppenraum schieben. Constructing Kita dient der Abgrenzung der sozialen Form Kita von anderen Beziehungsgefügen, wie z.B. Familien.

  • Displaying Kita

Das nun etablierte Beziehungsgefüge Kita wird von den Kitaakteur*innen aktiv aufrechterhalten und durch bestimmte Handlungen stabilisiert. Bei Kindertageseinrichtungen handelt es sich um fluide Beziehungsgefüge, die sich nicht auf konkrete Räume und Zeiten und bestimmte Akteur*innen beschränken. Daher ist es notwendig sich gegenseitig der Zugehörigkeit zur Kita zu vergewissern und diese Zugehörigkeit auch für Außenstehende erkennbar zu machen (Finch, 2007). Während dies auch für andere Beziehungsgefüge, wie Familien, gilt, kommt Kindertageseinrichtungen zusätzlich die Notwendigkeit des pädagogischen Handelns, im Sinne der Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrags zu. Kinder positionieren sich selbst als Kitakinder, in Abgrenzung zu anderen Positionen im Lebenslauf (Schulkind, Familienkind) und werden auch von den pädagogischen Fachkräften als solche adressiert.  Deutlich wird dies insbesondere, wenn Kinder über einrichtungsspezifisches Wissen, etwa der Ort der nachmittäglichen Brotzeit oder den Aufbewahrungsort eines bestimmten Gegenstands, verfügen, das pädagogischen Fachkräften fehlt. Entweder weil die Randzeiten in einem anderen Raum stattfinden oder weil die Kinder über einen längeren Zeitraum in der Einrichtung sind als die Fachkräfte.

  • Deconstructing Kita

Unter Deconstructing Kita wird die der Beendigung bzw. das zeitweise „Unbedeutendmachen“ (Jurczyk, 2020, S. 10) der sozialen Form Kita für die Akteur*innen verstanden. Deconstructing Kita stellt somit eine Gegenbewegung zum Constructing Kita dar. Bei der Konzeptualisierung des Deconstructing Kita (in Randzeiten) gilt es, zwei Ausprägungen zu unterscheiden. So werden zunächst jene Handlungsvollzüge dem Deconstructing Kita (in Randzeiten) zugerechnet, die der temporären, alltäglichen aktiven Beendigung der sozialen Form Kita dienen, wie etwa die Schließung von Räumen, das Auf- und Wegräumen oder die Beendigung von kitaspezifischen Aktivitäten. Weiterhin werden auch Handlungsvollzüge zum Deconstructing Kita gezählt, die Kita als Beziehungsgefüge im Lebenslauf beenden. Hier ist etwa der Übergang vom Kita- zum Schulkind zu nennen oder die Kündigung des Arbeitsverhältnisses von pädagogischen Fachkräften.

Was kann das für die Praxis bedeuten?

Randzeiten, als Ausprägung flexibler Kindertagesbetreuung werden im frühpädagogischen Diskurs vorwiegend hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, sowie als potentiellen Stressor für das Erleben von Kindern diskutiert. Die Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz die Randzeiten innerhalb des Kitaalltags zukommt. Die vielfältigen (Übergangs)Praktiken in Randzeiten erweisen sich als wichtig für die Beziehungsgestaltung und das Erleben von Zugehörigkeit und Autonomie von Kindern (siehe dazu auch Harring & Schutter 2021).

Randzeiten sind gekennzeichnet durch konstante Veränderungen, Kinder und Fachkräfte kommen neu dazu oder verlassen die Einrichtung, Räume werden gewechselt, Übergänge müssen bewältigt werden. Es zeigt sich jedoch auch, dass diese Veränderungen durch andere Handlungsmöglichkeiten, etwa bezogen auf Rituale oder die Nutzung bestimmter Artefakte, kompensiert werden, ohne das Beziehungsgefüge Kita zu destabilisieren.

Angesichts der dargestellten Multidimensionalität und Komplexität der sozialen Lern- und Bildungsprozesse in Randzeiten erscheint die politische Intention, Randzeiten allein als Maßnahme zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu etablieren, zu kurz gegriffen. Randzeiten gehen über ‚reine Betreuung‘ hinaus. Eine Abwertung von Randzeiten gegenüber ‚pädagogischer Kernzeiten‘, etwa durch eine Aufhebung des Fachkräftegebots, ist daher nicht nachvollziehbar.   

Literatur

Breidenstein, G., Hirschauer, S., Kalthoff, H., & Nieswand, B. (2015). Ethnografie: Die Praxis der Feldforschung (2., überarb. Aufl.). UTB.

Finch, J. (2007). Displaying Families. Sociology41(1), 65-81.

Goffman, E. (1982). Das Individuum im öffentlichen Austausch: Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung (1. Aufl., [Nachdruck]). Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft: Vol. 396. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Harring, D. (2024). Doing Kita in Randzeiten. Eine Ethnografie zu Handlungsvollzügen und Positionierungen von Kitakindern. Wiesbaden: Springer VS.

Harring, D., & Schutter, S. (2021). Kinder als Akteure in der Randzeitenbetreuung. Frühe Kindheit. (2), 48–53.

Hirschauer, S. (2015). Praktiken und ihre Körper. Über materielle Partizipanden des Tuns. In K. H. Hörning & J. Reuter (Hrsg.), Sozialtheorie. Doing culture (S. 73–91). Bielefeld: transcript-Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839402436-005

Jurczyk, K. (2020b). Einführung. In K. Jurczyk (Hrsg.), Doing und Undoing Family: Konzeptionelle und empirische Entwicklungen (S. 7–25). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Macha, K., Eichberg, K., Foelsch, U., & Schmidt, G. (2018). Wie gelingen bedarfsgerechte Öffnungszeiten? Erfahrungen aus dem Bundesprogramm „KitaPlus“: Drittes Arbeitspapier zur Evaluation des Bundesprogramms „KitaPlus“ Durch das Institut für den Situationsansatz an der Internationalen Akademie Berlin gGmbH In Kooperation mit Univation Institut für Evaluation Dr. Beywl & Associates GmbH Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin.

Schäfer, B. (2015). Flexible Betreuungsangebote und das Wohlbefinden von Kindern: Ein Spannungsverhältnis? Erfahrungen und Erkenntnisse aus der internationalen Forschung; Arbeitspapier. Wissenschaftliche Texte / DJI, Deutsches Jugendinstitut. München: DJI.

Schutter, S., & Harring, D. (2022). Wohlbefinden von Kindern in flexibilisierter Kindertagesbetreuung. Rosenheim: Technische Hochschule Rosenheim.